Titel: Res Publica - Plätze, Gärten, Monumente · von Richard Sennett · S. 100
Titel: Res Publica - Plätze, Gärten, Monumente , 1985

Richard Sennett

Der öffentliche Raum stirbt ab

Der Intimitätskult wird in dem Maße gefördert, wie die öffentliche Sphäre aufgegeben wird und leer zurückbleibt. In einer ganz unmittelbaren, physischen Weise weckt die Umwelt in den Menschen den Gedanken, daß die öffentliche Sphäre bedeutungslos sei. Ich meine die Organisation des Raums in den Großstädten. Architekten, die Wolkenkratzer und andere Großbauten planen, gehören zu den wenigen Fachleuten, die mit den heutigen Vorstellungen von öffentlichem Leben praktisch zu tun haben, die diese Vorstellungen zum Ausdruck bringen und für andere sichtbar machen.

Einer der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg ganz im Stil der International School errichteten Wolkenkratzer war das Lever House von Gordon Bunshaft in New York. Das Erdgeschoß des Lever House ist ein freier Platz, ein Hof, an dessen Nordseite das Hochhaus steht, während die drei anderen Seiten von einem flachen Gebäude eingefaßt sind, das auf Säulen ruht und ein Stockwerk über dem Erdboden beginnt. Von der Straße gelangt man unter diesem Hufeisen hindurch auf den Platz. Das Straßenniveau selbst ist toter Raum. Dieser Platz bietet sich nicht zu einer Vielfalt möglicher Aktivitäten an. Er dient einzig als Durchgang ins Innere des Gebäudes. Die Form dieses Wolkenkratzers verträgt sich nicht mit seiner Funktion, denn die Form verspricht, daß hier ein öffentlicher Platz in Miniaturformat wiederbelebt werden soll, aber die Funktion zerstört gerade das, was an einem öffentlichen Platz wesentlich ist: daß er Personen miteinander mischt und eine Vielfalt von Aktivitäten anzieht.

Dieser Widerspruch ist Teil eines umfassenderen Zwiespalts. Die International School hatte eine neue Idee der Sichtbarkeit beim Bau von Hochhäusern zum Programm erhoben. Die ganz aus Glas bestehenden, nur von dünnen Stahlstreben unterbrochenen Wände gestatten es, Innen und Außen eines Gebäudes fast bis zur Ununterscheidbarkeit zu verwischen. Diese Technik nähert sich dem von S. Giedion so genannten Ideal der »durchlässigen Wand«, dem höchsten Grad an Sichtbarkeit. Aber die Wände bilden zugleich hermetische Barrieren. Das Lever House war der Vorläufer eines Planungskonzepts, in dem die Wand, obgleich durchlässig, die Tätigkeiten innerhalb des Gebäudes vom Leben auf der Straße abschneidet. In diesem Konzept verschränken sich eine Ästhetik der Sichtbarkeit und die gesellschaftliche Isolation.

Das Paradoxon der Isolation inmitten von Sichtbarkeit ist keine New Yorker Besonderheit, ebensowenig wie die hohe Kriminalität dieser Stadt eine ausreichende Erklärung für das Absterben des öffentlichen Raums im Zuge solcher Planungen ist. Im Brunswick Centre im Londoner Stadtteil Bloomsbury und in dem Bürokomplex La Défense am Westrand von Paris kommt das gleiche Paradoxon zur Geltung und führt auch dort zum Zerfall des öffentlichen Raums.

Beim Brunswick Centre erheben sich zwei riesige Apartmenthäuser zu beiden Seiten einer zentralen Betonpromenade; die Apartmenthäuser sind Stockwerk für Stockwerk nach hinten versetzt, so daß sie wie eine babylonische Terrassenstadt auf einem Hügel erscheinen. Die Terrassen der Apartments sind in der Regel mit Glas überdacht; auf diese Weise hat jeder Bewohner eine Art Glaswand, die viel Licht einläßt und die Grenze zwischen drinnen und draußen aufhebt. Diese wechselseitige Durchdringung von Haus und Außenwelt bleibt jedoch merkwürdig abstrakt; man hat eine schöne Aussicht auf den Himmel, aber die Gebäude sind so geschnitten, daß sie den Blick auf die umliegenden Gebäude von Bloomsbury nicht gestatten und in keinerlei Beziehung zu diesen stehen. Tatsächlich wendet sich die Rückseite eines der Häuser aus massivem Beton einem der schönsten Plätze von ganz London zu, vielmehr: sie ignoriert ihn. Das Gebäude steht da, als könnte es überall stehen; seine Lage zeigt, daß die Planer ohne Rücksicht auf irgendeine besondere städtische Umgebung bauten.

Seine entscheidende Lektion erteilt das Brunswick Centre mit seiner zentralen Promenade. Da gibt es ein paar Läden und weite Flächen mit leerem Raum. Diesen Raum durchquert man, man benutzt ihn nicht; sich für längere Zeit auf einer der wenigen Betonbänke auf der Promenade niederzulassen ist ebenso unerfreulich, wie sich in einer riesigen, leeren Halle zur Schau zu stellen. Tatsächlich wird die »öffentliche« Promenade des Brunswick Centre gegen die angrenzende Hauptstraße von Bloomsbury durch zwei riesige, von Geländern eingefaßten Rampen abgeschirmt. Die Promenade selbst liegt mehrere Fuß über dem Straßenniveau. Auch hier ist alles dazu angetan, den öffentlichen Raum des Brunswick Centre vor zufälligen Passanten und Spaziergängern abzuschließen, so wie die Anlage der beiden Wohnblocks deren Bewohner wirksam von Straße, Promenade und Platz trennt. Die visuelle Botschaft der fein gegliederten Glaswände besagt, daß es bei einem Wohnhaus keinen Unterschied zwischen drinnen und draußen gibt; die soziale Botschaft der Promenade, der Anlage des ganzen Komplexes und der Rampe dagegen lautet, daß das »Innen« des Brunswick Centre durch eine mächtige Barriere vom »Außen« geschieden ist.

Die Zerstörung von lebendigem öffentlichen Raum enthält eine noch seltsamere Idee: den Raum zum Funktionselement von Bewegung zu machen. In La Défense ebenso wie im Lever House und im Brunswick Centre ist der öffentliche Raum etwas, das man durchquert, worin man sich nicht aufhält. In La Défense findet man auf den Flächen um die Ansammlung von Bürotürmen, aus denen der ganze Komplex besteht, ein paar Geschäfte, aber im Grunde dienen sie als Durchgangszonen, um vom Auto oder vom Bus ins Bürogebäude zu gelangen. Nichts deutet darauf hin, daß die Planer von La Défense der Ansicht waren, dieser Raum besitze einen Wert für sich und die Leute könnten den Wunsch verspüren, darin zu verweilen. Die Flächen bilden, in den Worten eines Planers, ein »Zwischenglied zwischen Straßen- und Vertikalverkehr«. Mit anderen Worten, der öffentliche Raum wird zu einer Funktion der Fortbewegung.

Die Vorstellung vom Raum als einer Funktion der Bewegung entspricht genau der Beziehung zwischen Raum und Bewegung, die das Auto ausdrückt. Man gebraucht den Wagen nicht, um die Stadt kennenzulernen, für Ausflüge ist er nicht geschaffen, oder vielmehr er wird dazu nicht benutzt, außer von Jugendlichen auf ihren Vergnügungstouren. Statt dessen verschafft das Auto Bewegungsfreiheit; man kann ohne Rücksicht auf feste Haltepunkte, wie es sie bei der U-Bahn gibt, und ohne die Fortbewegungsart zu ändern, also ohne vom Bus in die U-Bahn umzusteigen und dann zu Fuß weiterzugehen, eine Reise von A nach B machen. Damit gewinnt die Stadtstraße eine merkwürdige Funktion, nämlich die, Fortbewegung zuzulassen; wenn sie die Fortbewegung durch Ampeln, Einbahnstraßen und dergleichen allzu sehr hemmt, werden die Autofahrer nervös oder zornig.

Wir erleben heute eine Erleichterung der Fortbewegung, die allen früheren Stadtkulturen unbekannt war, und dennoch ist sie zu einer extrem änstigenden Alltagsverrichtung geworden. Die Angst rührt daher, daß wir die ungehemmte Bewegungsfähigkeit des Individuums als absolutes Recht unterstellen. Das Privatauto ist das natürliche Instrument zur Ausübung dieses Rechts; für den öffentlichen Raum und vor allem für die Straßen der Städte wirkt sich das so aus, daß der Raum bedeutungslos oder gar störend wird, sofern er der freien Bewegung nicht untergeordnet ist. Die moderne Fortbewegungstechnik ersetzt den Aufenthalt auf der Straße durch den Wunsch, die Hemmnisse der Geographie zu tilgen. Auf diese Weise verbindet sich das Planungskonzept etwa von La Défense oder des Lever House mit der Verkehrstechnik. In beiden Fällen verliert der zu einer Funktion der Fortbewegung gewordene öffentliche Raum seine unabhängige Erfahrungsqualität.

Bisher sind wir zwei Formen von »Isolation« begegnet. Die eine besteht darin, daß Menschen, die in einem städtischen Hochhaus wohnen oder arbeiten, daran gehindert werden, irgendein Verhältnis zu der Umgebung, in der das Gebäude steht, zu begründen. Die andere besteht darin, daß man, um der Bewegungsfreiheit willen in einem Privatauto eingeschlossen, gar nicht mehr auf den Gedanken kommt, daß die Umwelt eine andere Bedeutung haben könnte als die, unserer Fortbewegung zu dienen. Es gibt jedoch eine dritte, noch brutalere Form der Isolierung an öffentlichen Orten, eine Isolierung, die unmittelbar dadurch hergestellt wird, daß man für andere sichtbar ist.

Das Konzept der »durchlässigen Wand« wird von vielen Architekten nicht nur an der Außenhaut der Gebäude, sondern auch in ihrem Innern angewendet. Mit der Abschaffung der Bürowände verschwindet alles, was die Sicht versperrt; die ganze Etage wird zu einem einzigen offenen Raum, oder ein großer Raum in der Mitte wird von einem Kranz abgeschlossener Büros umgeben. Die Niederlegung der Wände, so versichern uns die Planer, erhöht die Büroeffizienz; denn wenn die Leute den ganzen Tag den Blicken der anderen ausgesetzt sind, wird die Neigung, gelegentlich ein Schwätzchen einzulegen, geringer, und ihre Konzentration nimmt zu. Wenn jeder vom anderen überwacht wird, nimmt die Geselligkeit ab, denn das Schweigen ist dann die einzige Möglichkeit, sich zu schützen. Das Großraumbüro treibt das Paradoxon von Sichtbarkeit und Isolation auf die Spitze – ein Paradoxon übrigens, das sich auch umkehren läßt. Die Menschen sind um so geselliger, je mehr greifbare Barrieren zwischen ihnen liegen, so wie es auch besondere Plätze in der Öffentlichkeit geben muß, deren einziger Zweck darin besteht, sie zusammenzuführen. Man kann es noch anders ausdrücken: Um sich gesellig zu fühlen, bedürfen die Menschen einer gewissen Distanz zu anderen. Wird der intime Kontakt gesteigert, so geht die Geselligkeit zurück. Das ist die Logik, die dieser Art von bürokratischer Effizienzsteigerung zugrunde liegt.

Das Absterben des öffentlichen Raumes ist eine Ursache dafür, daß die Menschen im Bereich der Intimität suchen, was ihnen in der »Fremde« der Öffentlichkeit versagt bleibt. Isolation inmitten öffentlicher Sichtbarkeit und die Überbetonung psychischer Transaktionen ergänzen einander. Wenn etwa eine Person glaubt, sich in der Öffentlichkeit von der Beobachtung durch andere mit Schweigen und Isolation schützen zu müssen, dann wird sie das kompensieren, indem sie sich gegenüber denen, mit denen sie in Berührung kommen will, entblößt. Diese Komplementarität ist Ausdruck einer übergreifenden gesellschaftlichen Transformation. Man denke an die Masken, die sich das Selbst in Form von Anstandsregeln und Höflichkeitsritualen geschaffen hat. Solche Masken haben in anonymen Konstellationen ihre Bedeutung verloren und scheinen nur noch bei einigen Snobs in Verwendung zu sein. Aber ich frage mich, ob uns diese Verachtung für die rituellen Masken der Geselligkeit kulturell nicht unter den Stand primitiver Jäger- und Sammlergemeinschaften stellt.

Es scheint gewagt, eine Korrelation zwischen der Art, wie die Menschen Zuwendung und Liebe auffassen, und ihrem Erleben auf der Straße herzustellen. Und selbst wenn man zugesteht, daß es solche Verbindungen zwischen den Formen des öffentlichen und des Privat-Lebens gibt, könnte man einwenden, daß die historischen Wurzeln dieser Verbindung nicht sehr tief reichen. Es war die nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation, die sich in dem Maße, wie sie sich von sexuellen Zwängen befreite, auch nach innen kehrte, und in der Epoche dieser Generation ist es zur Zerstörung der öffentlichen Sphäre gekommen. Die These dieses Buches jedoch lautet, daß diese augenfälligen Anzeichen für ein aus dem Gleichgewicht geratenes Privatleben und ein öffentliches Leben, das leer ist, das Ende eines langen Prozesses markieren. Sie sind das Ergebnis eines Wandels, der mit dem Niedergang des Ancien Régime und mit der Herausbildung einer neuen, kapitalistischen, säkularen, städtischen Kultur einsetzte.

(Auszug aus dem Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ von Richard Sennett. Copyright by Richard Sennett (1974) und S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt am Main (1983)).