Ausstellungen: Berlin · von Manuela Lintl · S. 228
Ausstellungen: Berlin , 2018

Die erste Generation

Bildhauerinnen der Berliner Moderne
Georg Kolbe Museum 18.02. – 17.06.2018
von Manuela Lintl

Nach zwei Jahren Forschungs- und Vorbereitungszeit präsentiert das Georg Kolbe Museum in Berlin unter dem Titel „Die erste Generation: Bildhauerinnen der Berliner Moderne“ einhundert Exponate, um das künstlerische Wirken von zehn Bildhauerinnen vor allem in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen nachzuzeichnen. Die Brisanz des Themas ergibt sich aus dem sozialpolitischen Kontext, aus der Tatsache, dass es sich hierbei um die erste Generation von Frauen überhaupt handelt, die professionell als Bildhauerinnen tätig waren und ihre Werke öffentlich ausstellen und verkaufen konnten. Es lohnt sich, diesen Anfängen des Kampfes um Gleichberechtigung, der bis heute nicht ausgefochten ist, nachzuspüren.

Die Pionierinnen der Bildhauerei waren meist bürgerlicher Herkunft, denn sie mussten nicht nur ganz neue, sondern auch kostspielige Wege finden, um eine professionelle Ausbildung zu erlangen, da ihnen der Königsweg der staatlichen Kunstakademie bis 1919 verwehrt war. So besuchten sie den Unterricht in „dekorativer Plastik“ an Kunstgewerbeschulen oder teure Kurse nur für Damen in privaten Kunstschulen wie die berühmte Académie Julian in Paris. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, sich in Ateliers renommierter Bildhauer wie Auguste Rodin privat unterrichten zu lassen. Parallel dazu organisierten die Frauen sich und bildeten Netzwerke zur Selbsthilfe in Form von Vereinen und Verbänden. Dass sich den talentierten und hartnäckigsten Pionierinnen dann auch Verkaufsmöglichkeiten an Privatsammler und Museen boten, ist dem zeitgleich aufkommenden privaten Kunsthandel zu verdanken, der in Berlin mit Namen wie Cassirer, Flechtheim, Walden, Nierendorf oder Gurlitt verbunden ist.

Neben bekannten und erforschten Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz (1867 – 1945) oder Renée Sintenis (1888 – 1965) bietet die Ausstellung spannende Neuentdeckungen, etwa die Pionierinnen Sophie Wolff (um 1875 – ca. 1944) oder Tina Haim-Wentscher (1887 – 1974), die ganz unberechtigt in Vergessenheit gerieten, auch weil ihr Werk größtenteils verloren ging.

Im ersten großen Saal werden die älteren Pionierinnen Milly Steger (1881 – 1948), Marg Moll (1884 – 1977), Sophie Wolff und Emy Roeder (1890 – 1971) gezeigt, die bereits die vierte Lebensdekade erreicht hatten, als sich die Kunstakademien für weibliche Auszubildende öffneten. Die meist kleinformatigen Arbeiten aus Bronze, Stein, Keramik und Holz sind teils in Werkgruppen auf dunkelblauen Sockeln angeordnet und vermitteln den Eindruck großer schöpferischer und stilistischer Vielfalt. Eingangs empfängt die Besucher Milly Stegers stilisierte, zierlich-feingliedrige Tänzerin (1921 – 22) in einer anmutigen Pose des damals modernen Ausdruckstanzes. Steger galt als emanzipierte Frau und war schon früh erfolgreich. In Hagen realisierte sie als Stadtbildhauerin u. a. vier monumentale Frauenakte an der Fassade des Stadttheaters, die zum Skandal gerieten, zugleich aber der Künstlerin größere Popularität verschafften.

Marg Molls Plastiken und Tierfiguren sind zwischen Expressionismus und Kubismus, Figuration und Abstraktion angesiedelt und galten später als „entartet“. Emy Roeder, die noch bis in die 1960er Jahre tätig war, suchte ebenfalls den Weg in die Abstraktion und fand zu einer klaren Stilisierung mit Anklängen an Ernst Barlach. Eine echte Entdeckung sind vier undatierte Kleinfiguren von Sophie Wolff, darunter zwei ausdrucksstarke und ins Abstrakte gehende afrikanische Köpfe aus Bronze.

Käthe Kollwitz, die 1919 zum ersten weiblichen Mitglied der preußischen Akademie der Künste gewählt wurde und den Professorentitel erhielt, wird als prominenteste Bildhauerin dieser folgenreichen ersten Generation in einem eigenen Raum gewürdigt. Neben ihrer monumental angelegten Figurengruppe Mutter mit zwei Kindern (1926 – 36) laufen Filme aus der Serie „Schaffende Hände“, in denen Hans Cürlis auf intime Weise Kollwitz und Sintenis beim Modellieren auf die Hände geschaut hat.

Das dritte Kapitel widmet sich den wirtschaftlich erfolgreichen Bildhauerinnen Renée Sintenis und Christa Winsloe (1888 – 1944), die beide den selbstbewussten, androgynen Typ der „neuen Frau“ der „Goldenen Zwanziger Jahre“ verkörperten und schillernde Persönlichkeiten des Berliner Kulturlebens waren. Auf unterschiedlichste Weise schufen sie bevorzugt Tierplastiken. Figuren und einige Skizzen von Winsloe, die durch ihre schriftstellerische Arbeit zu einer Ikone der lesbischen Szene avancierte, belegen ein außergewöhnliches Gespür für Proportionen und die Fähigkeit, Wesentliches in einer Gebärde festzuhalten. Sintenis schuf unter anderem im typisch skizzenhaft aufgelockerten Modellierstil die Bronzefigur Junger Bär (1932), deren Abgüsse bis heute auf der Berlinale vergeben werden.

Im Untergeschoss folgen mit Jenny Wiegmann- Mucchi (1895 – 1969) und Luise Stomps (1900 – 1988) die beiden jüngsten Bildhauerinnen. Wiegmann-Mucchi zählt zu den besonders politisch engagierten Vertreterinnen der ersten Generation. Nach Anfängen in den 1920er Jahren in Berlin, in denen sie archaisch anmutende Steinbildfiguren schuf, ging sie als überzeugte Antifaschistin nach Italien. Stilistisch fand sie später zu einem spröden, herben Realismus, mit dem die figürliche Bildhauerin in der DDR große Anerkennung fand.

In einem kleinen Kabinett ist noch die begabte Porträtistin Tina Haim-Wentscher vorgestellt, deren Berliner Werke gänzlich verschollen sind. Da sie jüdischen Glaubens war, kehrte sie 1933 von einer Auslandreise nicht zurück und arbeitete bis zu ihrem Tod in Australien an einem produktiven Spätwerk. Die gezeigte Gipsnachbildung der Nofretete wurde 1913 von dem Mäzen James Simon in Auftrag gegeben. Als äußerst detailgetreue Kopie ging sie in Serienproduktion und wurde zu einer der meistverkauften Büsten des modernen Zeitalters.

Die Spannbreite der Themen und Motive der Exponate reicht von Tierplastik und Porträts über Tänzer- und Sportlerfiguren bis hin zu abstrakten Skulpturen, so dass man schwerlich von typischer Frauenkunst sprechen kann. Themen wie Schwangerschaft und Mutterschaft, die vielleicht am ehesten als typisch weiblich gelten könnten, sind nur marginal zu finden. Die Ausstellung offenbart, was diese aufmüpfige und streitbare erste Generation von Bildhauerinnen und Vorkämpferinnen für die Gleichberechtigung auszeichnet: sie schufen höchst unterschiedliche und individuelle Positionen, die sich durch Diversität, stilistische Pluralität und Experimentierfreude auszeichnen, genau wie die Arbeiten ihrer männlichen Kollegen in der Epoche der Weimarer Republik.