Zeichnen zur Zeit · von Reinhard Ermen · S. 194 - 197
Zeichnen zur Zeit , 2018

Barbara Hindahl

Sachen, die normalerweise unter den Tisch fallen, interessieren sie ganz besonders; zum Beispiel Staub. Was sich in den vergessenen Ecken des Wohlbefindens angesammelt hat, nimmt Barbara Hindahl zeitweilig ins Zentrum ihrer Arbeit, Wollmäuse und graue Flaumfelder fordern sie auf zu zeichnen. Eine russische Anekdote drängt sich auf. Ein junger Mann kommt zu dem großen Ilja Repin, um von ihm als Schüler genommen zu werden. Der Meister schaut die Mappe des begabten Jünglings neugierig durch, dann zerknüllt er blitzschnell, wie von einer heftigen Eingebung getrieben, ein Stück Papier und wirft es in die Ecke. „Zeichne das“, sagt er. Der Schüler stellt fest, dass so etwas Armes, Belangloses zu erfassen, mit zum Allerschwierigsten gehört. Wie zeichnet man Stäube? Hindahl lässt sich von dem anarchischen SoSein der Vorlagen leiten, sie schafft Aufsichten in einem bewegten Hell-Dunkel, heraus kommt eine Kartographie genuin zeichnerischer Erregungszustände. Das ursprünglich Fokussierte, der Staub, tritt zeitweilig etwas zurück, das Material entwickelt einen optischen Eigensinn. Ein gutes Stück vom eben angesprochenen Allerschwierigsten steckt in diesen Arbeiten von Hindahl. Der Realismus relativiert sich, der Vergrößerungsaspekt in den partiell riesigen Blättern projiziert die ursprüngliche Vorlage ohnehin ins Monumentale, die Beiläufigkeiten des Alltags werden zu energetischen Feldern. In solchen Randzonen sammelt sich das Potential einer emanzipierten Wahrnehmung. Darin steckt auch eine kleine Portion Revolte. Nicht nur der Staub wird als bildbauendes Potential ernst genommen, eine spezielle Seitenansicht ist Königsweg dieser Kunst. Neben dem puristischen Schwarz-Weiß meldet sich schon mal eine farbige Spur. Es geht eben nicht um eine Ästhetik von Sack und Asche, ganz im Gegenteil. Diese attraktiven Szenarien feiern das Staunen. Vergleiche mit schon mal Gesehenem müssen ganz oben ansetzten.

„Zu ihren Maßnahmen gehört das Aktivieren aufgefundener Strukturen, welche selbst nichts Besonderes sind, aber mit einem Mal Sensationen enthalten“, sagt Thomas Hirsch über Barbara Hindahl. Dinge, die passieren oder eben nicht passieren sollen, faszinieren sie; zum Beispiel Fehler. Ein Computer-Drucker ist der Sklave des vorherrschenden Logarithmus, erst wenn etwas schiefläuft, wird es spannend. Die Maschine und ihre Irrtümer produzieren ihr Eigenes, das letztlich nicht wiederholbar ist (wie der gefallene Staub), die Zeichnerin gibt dem Vorfall einen neuen Rahmen, sie nobilitiert die Panne und feiert den Fehldruck. Die Hieroglyphen eines Textes, der in ein falsches System geraten ist, erzählen von fehlgeleiteten Informationen, von fremden Welten, ja von Geheimnissen. Die Maschine schreibt neue Archaismen. Hindahl zeichnet die desorientierten Zufallsbotschaften, die keiner versteht, mit liebevoller Genauigkeit ab, aus jedem Buchstaben macht sie ein Individuum. Wie Trolle, die eben aus einem Märchen entlaufen sind, marschieren sie in brüchigen Zeilen auf, in anderen ihrer „Printer Drawings“ melden sich geradezu landschaftlich anmutende Informalismen. Der Drucker vertut sich mit eigenen Geschichten, er macht auch eine eigenwillige Musik, die Hindahl mit Ton und Bild in ihren „printer-pieces“ als Klanginstallationen auftreten lässt. Wo keine vorgegebenen Fehler auftreten, erfindet Hindahl selber welche. Doch zuerst kommt eine Art Trompe-l’oeil aufs Papier. Rot auf Weiß imaginiert sie Millimeterpapier. In der gebotenen Beiläufigkeit geschieht das täuschend echt, die Künstlerin bewegt sich auf kunsthistorisch ausgeleuchteten Pfaden. Im nächsten Blatt gerät das Gerüst ins Rutschen, wie bei einem Fehldruck, im übernächsten ist schon alles verloren. Erst die offensichtliche Schieflage lenkt die Fährte zurück auf den Augentäuscher. Das Allerschwierigste auf den zweiten Blick!

Das Zeichnen steht im Zentrum dieser Kunst, selbst wenn es sich in realen Fundstücken an schwierigen Orten realisiert; zum Beispiel mit Fahrrädern. Zeichnen heißt hier auch ordnen. In anamorphotischen Verortungen ergeben Linien und Felder, die über die Sachen im Raum gelegt sind, nur von einem einzigen Punkt aus Sinn. Über oder unter dem schönen Chaos existiert eine zusätzliche, zeichenhafte Informationsebene. Die anarchische Überfülle, die sich von den anderen Perspektiven aus ergibt, gehorcht einem offensichtlichen System, aber das verrät sich nur aus dem einen Blickwinkel. Den Rest muss man fühlen. Das „Sensationelle“ zeigt sich von einer anderen Seite, die Zeichnerin ist auch eine Virtuosin ihres Mediums, das sich freilich nicht aufdrängt. Die Seitenansicht, mit der Barbara Hindahl Schmutz, Stäube und Fehldrucke angeht, hat ihre objektivierbare Mitte und ist in den Bildern selbst bereits installiert.

Barbara Hindahl
Geb. 1960 in Rheinhausen, heute Duisburg/Ruhrgebiet. Lebt und arbeitet in Mannheim und Hannover. Stipendien und Preise: 2017 Daniel-Henry Kahnweiler Preis Rockenhausen, Arbeiten auf Papier, 2. Preis. 2016 Heinrich Vetter Preis Mannheim. 2011 und 2008 Q-O2 werkplaats, Brüssel. 2003 Yokohama mit der Künstlergruppe Puddles in Tokyo.
Einzelausstellungen (Auswahl):
2017 wenn es am schlimmsten ist, Kunstverein Rosenheim; BARBARA HINDAHL- Zeichnungen, Galerie Linda Treiber, Ettenheim-Münster; 2015 DRAWING BORING BOING, Port25 Mannheim mit Jeanette Fabis; 2014 Pixxelpoint, Städt. Galerie Nova Gorica; 2013 Video Zagreus Projekt Berlin Mitte, kuratiert von Uwe Sennert; 2011 Analogie des Digitalen, Stadtgalerie Saarbrücken; 2004 Warum gerade krumm? Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg; 2003 LOOK! Yokohama Museum of Art.
Gruppenausstellungen (Auswahl):
2017 Zeichnungen, Galerie Kim Behm Frankfurt am Main; 2015 THE POWER OF PLACE kuratiert von Thomas Schoenberger für Chimera Projects Budapest; 2012 Expandierende Zeichnung, Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen; Zeigen, Audiotour 60 Jahre Baden-Württemberg, Projekt von Karin Sander, Kunsthalle Karlsruhe; 2011 Zimmer Küche Bad, Kulturspeicher Würzburg.