Titel: res publica 2.0 · von Marius Babias · S. 108
Titel: res publica 2.0 , 2011

Marius Babias

„Die Kernfrage lautet, ob ‚Kunst’ tendenziell ein Medium der Kritik ist“

Projektkunst als Teil zivilgesellschaftlicher Streitkultur

Welche Bedeutung hat Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) für eine demokratische Öffentlichkeit?

Der Stilbegriff „Kunst im öffentlichen Raum“ macht aus meiner Sicht nur in der historischen Rückbetrachtung Sinn. KiöR hat sich spätestens in den 1990er-Jahren in der übergeordneten Kategorie der Projektkunst und ihren Bereichen von Projektkultur, Stadtentwicklung und Neuen Medien (digitale Kultur, Internet) aufgelöst. Projektkunst verabschiedete sich von den „Kultur für alle“-Utopien der traditionellen KiöR sowie vom rigoristischen Konzept der Site Specificity und den Secondhand-Entlarvungen der Institutional Critique und versuchte stattdessen, der Realpolitik der im Kunstfeld neu entstandenen Teilöffentlichkeiten Perspektiven zu eröffnen. So gesehen wurde Projektkunst Teil der zivilgesellschaftlich-demokratischen Streitkultur (Abb. 1).

Das Soziale als ästhetischer Stoff

Benötigt die kapitalistische Gesellschaft die KiöR als „kritisches Feigenblatt“ oder wird sie als Repräsentationsinstrument missbraucht?

Künstler und Künstlerinnen, die sich auf Positionen der historischen Conceptual Art beziehen, agieren seit den 1990er-Jahren im geschichtspessimistischen Bewusstsein, dass Kunst das Ausdrucksmedium der gesellschaftlichen Dauerkrise ist. Parallel zur Krise des Kunstmarktes Ende der 1980er-Jahre wurden viele künstlerische Interventionsmodelle von den Institutionen absorbiert und in eine Dienstleistungsideologie eingebaut. Um ihre Legitimation besorgt und darauf bedacht, das institutionelle Elend zu verlängern, stürzten sich viele Museen, Kunsthallen und Kunstvereine auf die Projektkunst. „Kritische Kunst“ wurde regelrecht beauftragt. Das Soziale wurde in einen ästhetischen Stoff verwandelt.

Kaum hatte sich dann Mitte der 1990er-Jahre der Kunstmarkt erholt, wurde die Projektkunst wieder abgestoßen, um massenhaft Malerei aufzunehmen. Die Museen drohen seit Beginn der 2000er-Jahre zu Müllhalden von Malerei und Fotografie zu werden, wie…

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