Ausstellungen: München · von Rainer Metzger · S. 318
Ausstellungen: München , 1994

Rainer Metzger

Die Utopie des Designs

Kunstverein München, 11.3. – 1.5.1994

Die Frankfurter Küche nach dem Sputnikschock: Der modernistische Traum von der perfekten, weil der Wohnung viel Platz und der Hausfrau alle überflüssige Bewegung ersparenden Kochzeile hat sich in Luigi Colanis „Experiment Poggenpohl“ mit der typischen New Frontier-Geste der Sechziger vereinigt. Colanis Entwurf einer Küche als Raumkapsel steht am Ende einer jener vielen paradoxalen Entwicklungen, die die Avantgarde ausmachten. Man glaubte sich seit dem 19. Jahrhundert einem Begriff von „Volk“, sei er sozialistisch oder nationalistisch aufgeladen, dienstbar und artikulierte diese Dienstbarkeit mittels Techniken, die man aus der Zeit herüberrettete, als man noch den Funktionsträgern der diversen Anciens Regimes zuarbeitete, mittels Bizarrerie, Originalitätssucht und all den anderen Motoren symbolischer Distinktion. Colanis Kugel hängt Grete Schütte-Lehotzkys kommunistisch engagiertem Konzept der Frankfurter Küche nach und kleidet sich in ein verschwenderisches Formen- und Gedankengut, das jeden Chefentwerfer absolutistischer Höfe vor Neid hätte erblassen lassen. Jedem seinen speziellen Prunk, Originalität für alle: Dies war das Phantasma der Avantgarde. Es lag auch, Colani zeigt es beispielhaft, in seinem Design.

Die Ausstellung des Münchner Kunstvereins nannte dieses Phantasma „Utopie“. 1973, so wollte es die Schau, sei es damit vorbei gewesen, Ölkrise und Ökoschock hätten am Selbstbewußtsein einer Wiederaufbauzeit genagt und den platzgreifenden und volkbeglückenden Vorstellungen einer besseren Welt auch im Design den Garaus bereitet. Was es kurz vorher noch alles gegeben hatte an utopischem Vorschein, das wollte die Ausstellung versammeln: Entwürfe der italienischen Kollektive Superstudio und Archizoom, die Möbelstücke waren, aber Wirklichkeitsmodelle meinten; Miniaturen von Planungsgruppen, die Skulpturen waren, aber ebenfalls…

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