Titel: Cool Club Cultures · von Ulf Poschardt · S. 519
Titel: Cool Club Cultures , 1996

Cool Club Cultures

Die verlorene Unschuld des Pop

Der Polit-Popdenker Diederichsen

Diedrich Diederichsen war 1985 der Kopf der einzig intelligenten Musikzeitschrift „Spex“, er schrieb in Massen- und Minderheitenblättern, er saß in Talk-Shows und dozierte. Sein Essay-Band „Sexbeat“ erzählte die Geschichte einer Jugend, welche die Achtziger prägte: junge Hipster mit Geschmack und Verstand, mit dem Ehrgeiz, die Welt zu verändern und erst einmal mit der Kultur anzufangen. Diederichsen war ihr Vordenker, und jeder seiner neuesten Gedanken wurde Tagesgespräch in „Bohemia“, wie der Mann sein Herrschaftsreich gern bezeichnete.

Eine schöne Zeit: Pop war Widerstand und Opposition – mit diesem rebellischen Anführer, der das 68er-Feuilleton, das Gestammel der anderen Musikzeitschriften und das Theorieloch in Sachen Pop mit großer Geste eliminieren konnte. „Der Feind steht links, man selber steht noch weiter links“: So beschreibt Diederichsen im Rückblick die eigene Position. Man hatte einst in den K-Gruppen das Denken gelernt und sich trotzdem eine ungezügelte Euphorie für alle Winkelzüge der Popmusik bewahrt. Niemand war in den Achtzigern den jungen Popintellektuellen gewachsen: Sie sahen besser aus als der Rest, und klüger waren sie sowieso. Sieg.

1989 hat sich das Blatt gewendet. Maueröffnung, Wiedervereinigung, und aus den Kindern wurden Nazis. „Spex“, das einstige Zentralorgan der neuen Smartness, blieb paralysiert. Diederichsen, mittlerweile zum Ideologen obskurer Indie-Bands und militanten Hip-Hops geworden, reagierte verständnislos auf das junge, braune Elend.

Mit seinem Buch“Freiheit macht arm“ stellt er sich dieser Situation. Der Band versammelt Texte, die von Kunst, Pop, Philosophie, vor allem aber von der Politik handeln. Es ist ein Werk des Wandels: Aus einem politischen Popdenker haben…

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