Ausstellungen: Hannover · von Heinz Thiel · S. 154
Ausstellungen: Hannover , 1982

Egon Schiele – Kestner-Gesellschaft/Hannover

„Im Zentrum von Schieles Vision steht ein Mensch, der sich zu seinen Hoffnungen wie zu seinen Ängsten, zu seinen Obsessionen wie zu seinen Träumen, zu seiner Geschlechtlichkeit wie zu seiner Sterblichkeit bekennen kann. In Schieles comédie humaine wird immer von einem Menschen gehandelt werden, der sich zu sich selbst bekennen kann, nachdem und weil er sich erkannt hat“ (Carl Haenlein im Katalog).

Das Werk Egon Schieles, vor allem das zeichnerische, wird gern verstanden als „einzigartiges Psychogramm des großstädtischen Menschen“ (Haenlein) und präsentiert als ein Stück fixierte Ursprünglichkeit, die gleichzeitig auch ein expressiver Ausbruch aus allen ‚Uniformen‘ war. In nüchternen Ausstellungsräumen bei gedämpftem Licht findet man nicht mehr die in Katalogtexten beschworene ‚Aktions’s- und Aufbruchsstimmung in den Blättern Schieles wieder – an den Wänden gibt es nur noch eine in höchstem Maße artifizielle Welt zu bestaunen. Die aber kann noch – mit Erstaunen und Genuss – entdeckt werden. Die Auswahl der Zeichnungen läßt sich lesen wie ein themen- und stilgeschichtlicher Essay. Nach den trotz vielfältiger Grautönung flächigen Zeichnungen der Akademiezeit (‚Damenprotrait‘ 1907) leitet ein nur durch Umrißlinien skizzierter ‚kauernder männlicher Akt‘ (1908) eine Auseinandersetzung mit der plastischen Form im Medium der Fläche ein, die bis zu Schieles Tod bestimmend bleibt. Van Gogh, Munch, Kokoschka werden als ‚Lehrmeister‘ Schieles immer wieder erwähnt – hier drängt sich auch Rodin auf. Die Lebendigkeit ‚plastischer‘ Oberflächengestaltung – als ein Mittel, Volumen auch in der Zweidimensionalität begreifbar zu machen, Körperlichkeit als Realisat von Lebensumraum und Zivilisationsumständen sichtbar werden zu lassen, – bestimmt stark den…

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