Ausstellungen: Berlin · von Barbara Schnierle · S. 152
Ausstellungen: Berlin , 1982

Marianne Pohl

Künstlerhaus Bethanien/Berlin

Man betritt die Säulenhalle des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, hat vor sich die harmonische Architektur, Säulenreihen, Rundbögen, eine nach oben weit offene Halle, Friese. Auf dem Steinfußboden befindet sich, seit Marianne Pohl dort gearbeitet hat, ein Ornament aus Klebestreifen. Linien kreuzen sich, Halbkreise berühren sich, in der Mitte bilden sich Kreise, bis in den letzten Winkel der Halle ist der Boden mit Zeichen „ausgemalt“. Der Betrachter steht auf und in der „Fußbodenzeichnung“, die durch die Benutzerspuren, den Straßendreck, den die Leute ins Haus tragen, nur noch schöner geworden ist. Aber es geht Marianne Pohl, der „Zeichnerin“, nicht um die Harmonie einer Zeichnung an ungewöhnlichem Ort, das Ornament ist ein schöner Zufall, eine Struktur, vom vorgefundenen Raum bestimmt.

Was Marianne Pohl, – sie hat an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Gerhard Richter und Klaus Rinke studiert -, mit ihrer Arbeit fordert, ist ein genaues Hinsehen, ein Nachvollziehen des Entstehungsprozesses, ein Rückübersetzen, ein Verstehen des zugrundeliegenden Prinzips. Hier lautet es: ich habe den Raum in die Fläche geklappt. Jetzt erst beginnt ein Suchen, das Lesen der Linien, das Zeit und Lust an der Genauigkeit erfordert. Man entdeckt, daß jede Linie eine Entsprechung im Raum hat. Jede Ecke, jede Kante, jeder Rundbogen der Halle ist in der „Fußbodenzeichnung“ enthalten, im Maßstab l : l auf den Boden projiziert. Das Sehen wird zu einer Entdeckungsreise in die Räumlichkeit, zu einem Abtasten und Ausmessen auch des unscheinbarsten Winkels.

In früheren Arbeiten ist dieses Abtasten des Vorgefundenen auf andere Weise in Flächen umgesetzt worden. Pfeiler, Ecken oder…

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von Barbara Schnierle

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