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Essay · S. 60 - 63
Essay , 1986

Von Stephan Schmidt-Wulffen
Experiment zur Moral

Anonym möchte er bleiben, denn Anonymität sei die Grundlage seines Metiers. Zweifellos, schließlich liefert er von der Stange, was zum ehernen Schatz unserer Kultur zählt: Die Künstlerindividualität. Die ‚Artist Promotion‘ leistet unter dem Motto »Wir bieten alles, was ihnen fehlt« Unternehmensberatung für perspektivlose Künstler.

Weil diese wenigen Sätze nicht nur bestätigen, was viele ahnten, (die allerdings nie in die Not geraten werden, die Assistenz derartiger Unternehmen in Anspruch zu nehmen.) sondern weil ihre ungeheuerliche Konsequenz erst in mühevollem Nachdenken klarer wird, nehmen wir den anwesenden Promoter sogleich in die journalistische Zange. »Sie stellen sozusagen synthetisch her, was eigentlich als höchstes Gut schöpferischer Schaffensbemühungen, als kultiviertestes Zeugnis von Selbstdisziplin, Begabung und Risikobereitschaft in einem gilt: Kunstwerke?«

Am Ende der jetzt mit einem Lächeln beginnenden Ausführungen unseres Gegenüber wird, wir ahnen es bereits, die Verwunderung über unsere eigene Einfältigkeit stehen. »Ich kann ihre erstaunte Entrüstung nicht verstehen. Glauben Sie wirklich, daß unsere Gesellschaft etwas als Wert erkennt, ohne in Versuchung zu geraten, diesen Wert als Ware zu handeln und das heißt doch auch, ihn geregelt herzustellen? Erstaunen müßte doch umgekehrt, daß wir uns bei der Fabrikation von Automobilen, von Sitzgarnituren und Kopfschmerztabletten um eine möglichst effiziente Produktionsweise bemühen und damit keineswegs die Moralisten auf den Plan rufen. Gerade das Kunstwerk soll hier die Ausnahme machen, sein Wert sollte darin bestehen, daß es der Willkür des Zufalls ausgeliefert ist? – Welche Energieverschwendung! Unser Unternehmen bereichert die Kultur, in dem es, natürlich gegen das übliche Entgeld, den gesammelten Sachverstand einer jahrzehntelangen…


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