Relektüren · von Rainer Metzger · S. 330
Relektüren , 2018

Relektüren

Rainer Metzger
Folge 42

„Was ist eine Glanzzeit? Eine Zeit vieler großer Namen, in nächster Nähe voneinander, und zwar so, dass ein Name den anderen nicht erstickt, obwohl sie einander bekämpfen. Wichtig daran ist die ständige Berührung, die Stöße, die das Glänzende sich gefallen lässt, ohne zu erlöschen. Ein Mangel an Empfindlichkeit, wenn es um diese Stöße geht, eine Art Verlangen nach ihnen, die Lust, sich ihnen auszusetzen.“ In diesen Worten lässt Elias Canetti ein paar Monate vorbeiziehen, als er sich in einer Stadt befand, die gerade ihre große, epochale Phase erlebte. Im Jahr 1928 war er in Berlin, von Wien kommend, auf dem Sprung in die große Karriere, die noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten lassen würde. Erst seine Lebenserinnerungen, in drei Bänden ab 1977 herausgebracht, werden ihn zu der ihrerseits epochalen Figur machen, die 1981 mit dem Literatur-Nobelpreis dekoriert wird. Aus dem zweiten Teil dieser Memoiren, „Die Fackel im Ohr“, erschienen 1980, stammen die eingangs zitierten Zeilen. Eine Glanzzeit, stellt Canetti fest, ist ganz buchstäblich eine Stoßzeit. Sich ihr auszusetzen hat etwas mit Körperlichkeit zu tun, man spürt sie, denn es werden Spuren gelegt, man ist von ihr geprägt, denn Prägung entsteht durch Druck auf eine Oberfläche. Ihr Elixier ist die Berührung.

„Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes“: Das ist der erste Satz von „Masse und Macht“, jenem Werk, für das Canetti die Hälfte seiner Lebenszeit als Autor, mehr als 35 Jahre, investierte. Noch immer steht es als Solitär im Raum, als prekäre Perspektive…


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