Relektüren · von Rainer Metzger · S. 330 - 331
Relektüren ,

Relektüren

Folge 55

Rainer Metzger

Aus gegebenem Anlass soll diese Relektüre mit einer Anekdote begonnen werden, die Ruth Klüger in ihrer Autobiografie „weiter leben. Eine Jugend“ erzählt. In Wien geboren, war sie als Kind nach Theresienstadt verfrachtet worden, überlebte Auschwitz, weil sie sich für bedeutend älter ausgab als sie war, kam von dort nach Groß-Rosen, war nach der Befreiung Displaced Person und machte schließlich Karriere als Germanistin in den USA. Dort hatte sie ein Erlebnis mit einem Kinderarzt, „der sich wunderte, als meine kleinen Kinder mich mit ihren Windpocken ansteckten. Was, die hätte ich als Kind nicht selbst gehabt? Da müßte ich eine sehr beschirmte Kindheit verlebt haben. ‚A sheltered childhood‘“ (zitiert nach der Erstausgabe Göttingen: Wallstein 1992, S. 237). Ruth Klüger war noch vor dem Erwachsenendasein alles widerfahren, was das Menschenmögliche hergegeben hatte. Alles – nur ein gewisses Virus nicht.

Diese Relektüre wird an einem Datum geschrieben, an dem sich der 50. Todestag Paul Celans jährt. Wie so viele Überlebende der Shoah, wie Peter Szondi oder Jean Améry als Prominente und wie die anderen, deren man sich in ihrer Unbekanntheit eher über Gedenkanlässe erinnert, ist Celan in den Freitod gegangen – überwältigt von den Geschehnissen und vom „Jenseits von Schuld und Sühne“, wie es bei Améry heißt. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben“, liest sich das berühmte Diktum Theodor W. Adornos (ausgesprochen 1951 im Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“, zitiert nach „Lyrik nach Auschwitz? Adorno…

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