Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle · von Jürgen Raap · S. 126
Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle , 2007

Jürgen Raap

Form und Raum

Gemalte Häuser

Ob nun als Staffage für eine Handlung oder als Gegenstände einer realistischen Ortsbeschreibung“: Seit der Antike tauchen „mannigfaltige Hausformen und -typen“ auch in der Malerei auf, schreibt Zdenek Felix 1. Im Spätmittelalter fingen die Maler an, biblische Szenen in die eigene Lebenswelt zu verlegen. In dieser Anreicherung der Sakralmalerei durch profane Züge liegt einer der Ursprünge der späteren realistischen Genremalerei, zu der auch häusliche Szenen gehören. Gleichzeitig finden wir in der Kunstgeschichte aber ebenso Phasen einer Idealisierung und Entrückung dieser biblischen Topoi – da offerierten die Maler z.B. Darstellungen des Stalles von Bethlehem, dessen Architektur und Ausstattung überhaupt nichts mit einem realem Stall zu tun hat, wie er vor 2000 Jahren in Palästina oder im Zeitalter des Barock in Europa typisch gewesen sein mochte.

Einen sakralen Ursprung haben ebenfalls die kunsthistorischen Wurzeln der Vedutenmalerei: Sie liegen in den Stadtansichten des biblischen Jerusalem. Im Mittelalter besaßen die Maler kaum Kenntnisse von der realen historischen Stadt und ihrer Topografie; sie entwarfen daher Phantasiehäuser, oft in zeitgenössischem gotischen Architekturstil.

Die Darstellungen der Heiligenlegenden, vor allem aber deren Bildhintergründe, schienen im 15. Jh. in Venedig Gentile Bellini (1429-1507) und Vittore Carpaccio (1455-1526) dazu angeregt haben, die Häuser und Paläste der Lagunenstadt als Hauptmotiv im Bild fest zu halten. Luca Carlevaris (1663-1729) etablierte dann die Vedutenmalerei als ein eigenständiges Genre in der Kunstgeschichte, auch wenn sein gut dreißig Jahre jüngerer Zeitgenosse Antonio Canal, genannt Canaletto (1997-1768), als der bedeutendste Vertreter dieser Architekturbilder gilt.

Häuser sind bei diesen klassischen Veduten in einer Weiträumigkeit und mit…

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