Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle · S. 138
Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle , 2007

Jürgen Raap

Historische Adressen

Mythos, Aura, Sentimentalität, Spuren

Hat ein ganz gewöhnliches Haus eine spezifische Aura allein dadurch, dass hier eine berühmte Persönlichkeit gewohnt hat oder geboren wurde? Für die Richard Wagner-Fans ist dessen Bayreuther Privatdomizil „Villa Wahnfried“ noch heute eine Art Wallfahrtsort. Die Villa beherbergt jetzt ein Museum, in dem ein zerschlissener Frack des Komponisten zu besichtigen ist, ebenso die Garderobe seiner Frau Cosima. Es sind Schauobjekte, die einen Übergang vom Relikt zur Reliquie markieren, und die dem Besucher auch recht anschaulich vorführen, wie in den alten Schamanenkulturen solch ein Objekt zum Fetisch werden konnte. Ehrfürchtigen Schauer ruft der Anblick der Couch hervor, auf der Wagner verblichen ist.

In anderen Räumen vermittelt das Mobiliar dem Besucher ebenfalls einen sehr plastischen Eindruck, wie die Wagners hier vor 130 Jahren gelebt haben mochten.

Fünfzig Jahre später empfanden die Nachkommen der Familie das Leben in der gründerzeitlich-pompösen Villa als durchaus bedrückend: „Die Wagner-Villa war ein Museum, in dem kein Stuhl verrückt werden durfte, alles stand so wie zu des Meisters Ableben. Das Leben darin folgte einem strengen Ritual“ 1.

Genius loci? Mehr oder weniger zufällig residiert zwei Grundstücke weiter das Deutsche Freimaurermuseum, und knapp einen Kilometer entfernt kündet eine Schrifttafel an einem Eckhaus in der Bayreuther Fußgängerzone, dass der Anarchist Max Stirner hier geboren wurde, ein wohl nicht ganz so großer Sohn der Stadt, jedenfalls nicht groß genug, um ihm mehr zu widmen als eine Inschrift am Geburtshaus, geschweige denn ein eigenes Museum.

Wahnfried und Buddenbrook-Haus

Thomas Mann notierte über das Haus, in dem er seine Kindheit in Lübeck verbrachte:…

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