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Titel: Hot Spot Tropen · von Georg Christoph Fernberger · S. 115 - 120
Titel: Hot Spot Tropen , 2009

Georg Christoph und Christoph Carl Fernberger
Gepackt vom Fernweh

Aus den Tagebüchern um 1600

Georg Christoph Fernberger, geboren 1557, möglicherweise Studienaufenthalt in Italien, ab 1584 im diplomatischen Dienst an der kaiserlicheren Botschaft in Konstantinopel. 1588 Antritt einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. Entdeckungsfahrt um den halben Erdball. Sein Reisetagebuch stellt ein einzigartiges Zeitdokument dar, das sowohl über den Reisenden Auskunft gibt, als auch über das Europa des ausgehenden 16. Jahrhunderts und seine Beziehungen zu den neu entdeckten Ländern in Ost und West, von Hinterindien bis nach Ostanatolien. 1593 Rückkehr nach Österreich. Unverheiratet, keine Kinder, gestorben im „Langen Türkenkrieg“. – Christoph Carl Fernberger, Neffe von Georg, geboren um 1600, 1621 als Hauptmann der spanischen Armee Gefangennahme in den Niederlanden. Nach erfolgtem Einsatz im Dreißigjährigen Krieg besteigt er ein falsches Schiff und tritt an Stelle der wohlverdienten Heimreise eine abenteuerliche Fahrt rund um den Globus an. In seinem Tagebuch schildert der erste österreichische Weltreisende seine Erlebnisse als Seemann, Handelsvertreter, Kaufmann, Dolmetscher, Kriegsstratege und Diplomat. Rückkehr 1628. Kinderlose Ehe, gestorben 1653.

***

Desorientierung zwischen Meer und Wüste

Und obwohl das Meer hier den heftigsten Unwettern und Stürmen unterworfen … ist, und obwohl man auf jenen mit Fäden zusammengenähten Schiffen unter großen Gefahren segeln muß und die Seeleute vom Gebrauch des Kompasses nicht die geringste Ahnung haben, steht es dennoch fast zu jeder Zeit des Jahres den Händlern aller Länder zur Überfahrt offen. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, Mai/Juni 1589, In Basra

Und so segelten wir an unbekanntem Land vorbei unter sehr heftigen Winden, bei aufgewühltem Meer, dazu noch dauernden und heftigen Regenfällen unter höchster Lebensgefahr drei Tage lang. … Die Ursache für diese so blinde Fahrt war, dass wir einen Steuermann hatten, der dieser Küsten … völlig unkundig war. … Dabei konnte ich die schreckliche Fahrlässigkeit der Portugiesen gar nicht genug tadeln, ja verwünschen, da sie nicht zögerten, sich für eine so gefährliche Reise einem dieser Segelroute unkundigen Mann anzuvertrauen und sich so in höchste Lebensgefahr zu bringen. Und ich weiß nicht, ob nicht der Kapitän mehr anzuklagen ist, der diesen Mann angeheuert hat, als der ruchlose Mensch selbst, der es gewagt hatte, eine so schwere Aufgabe, der er nicht gewachsen war, auf sich zu nehmen. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, Oktober 1589, An Bord eines Schiffes im Golf von Bengalen

„Von Bagdad aus ziehen die Händler, die nach Hierapolis zurückkehren, 40 Tage lang durch die große Wüste Beriara. … Die weite Fläche ist sandig, wo, sobald ein Kamel oder ein Mensch seinen Fuß aus dem Sand gezogen hat, jeder Weg durch noch so leichten Wind verweht wird und keine Spuren bleiben. Daher verwenden die Führer dieses Marsches, …, wenn sie vorangehen, wie die Matrosen zur See, einen Kompaß und lassen sich von den Sternen leiten. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, März 1589, In Bagdad

Karawanen, Sänften, Dschunken

Unsere Karawane bestand aus sechshundert Kamelen. Wegen der großen Sonnenhitze marschiert man vom Abendanbruch bis zur dritten Nachtwache, die übrige Zeit dient der Erholung. … Einen solchen Zug oder eine Gesellschaft von Händlern, die gemeinsam reisen, nennt man in Persien Kafila und bei den Türken Karvan. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, Juni/Juli 1591, Im Süden Persiens

Das Land hier ist völlig flach, und man erzeugt zweirädrige, bemalte Karren aus Holz in eleganter und leichter Ausführung, auf denen zwei Menschen bequem sitzen können, während eine dritte Person vorn die Stiere lenkt, die mit ihrer Geschwindigkeit, wenn es nötig ist, beinahe Pferden gleichkommen. Diese Stiere werden auch nicht anders als unsere Pferde behandelt. Sie werden gewaschen und abgerieben, und man legt ihnen Gold und Silber um Hals und Hörner. Es erschien mir verwunderlich, so große, zarte und schöne Rinder in der Funktion von Pferden zu sehen. Die Inder verwenden sie gewöhnlich nicht nur im Gespann vor dem Wagen, sondern reiten sie auch mit Sätteln und erledigen mit ihnen wie mit Pferden bestimmte Wege. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, März 1590, In der Stadt Cambaia, Indien

Es gibt in Indien noch eine andere Art zu reisen: Man mietet acht Träger, die einen Menschen in einer Sänfte zu viert abwechselnd in der Nacht und bei Tag (mit Ausnahme einiger Mittagsstunden, wo sie wegen der Sonnenhitze Schatten und Kühle suchen) von einem Ort zum anderen tragen. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, März 1590, In der Stadt Cambaia

Hier sah ich … die Schiffe aus China, welche Dschunken heißen. Diese haben eine völlig andere Gestalt, Fahr- und Ruderweise als unsere und alle anderen bekannten Schiffstypen. Ihre Segel sind aus Strohmatten gefertigt, die Ankertrossen und Anker sind von Holz, das Deck ist flach und gleichförmig, innen sind viele Unterkünfte, der Bug ist so breit wie das Heck, es gibt drei Steuerruder oder Pinnen. –

Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, Oktober 1589, In Chittagong im Gangesdelta

Tiger, Piraten und Taifune

Wie aber am Nil Krokodile und Flusspferde, am Euphrat Löwen und am Tigris die Überfälle von Räubern, so sind auf diesem Fluss riesige Krokodile und Tiger zu fürchten. Denn der Ganges bringt Krokodile hervor, die sie in ihrer eigenen Sprache Gombri nennen, von solcher Größe, dass sie einen ganzen Menschen verschlingen können. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, November 1589, Im Gangesdelta

In der Nacht ist ein sehr großer Tiger in das Haus eines Deutschen geschlichen und hat ihm sein Weib von der Seite genommen und ist mit ihr unter das Bett, in dem sie gelegen haben und hat angefangen, die Frau aufzufressen. Der Mann hat ein so großes Geschrei gemacht, dass viele der Japaner, die nebenan wohnen, mit Hauen und Piken herbeigelaufen kamen. Sie haben Fackeln angezündet und den Tiger gesehen und ihn also erstochen, so wie er oben auf der Frau lag. Die Frau aber hat am nächsten Tag sterben müssen. Christoph Carl Fernberger: Tagebuch, 15. November 1623, In Jakarta

Gar nicht lange bevor wir nach Basra gekommen waren, ereilte zwei Schiffe … auf unterschiedliche Weise ihr Schicksal. Das eine von beiden litt Schiffbruch … das andere wurde von Piraten vollständig ausgeraubt und kam leer nach Basra zurück. Die Mannschaft, die versucht hatte, ihr Schiff gegen den brutalen Überfall der Piraten zu verteidigen, war zu einem Teil ermordet, zum anderen verwundet und angeschossen worden. Unter diesen befand sich auch ein Franzose mit Namen Jean Coquin, der in einem tapferen Kampf viele Schläge ausgeteilt und empfangen hatte, sich schließlich schwimmend retten konnte und anstelle eines Vermögens nur seinen größtenteils wunden und von zahlreichen Verletzungen zerschundenen Leib nach Hause brachte. Georg Christoph Fernberger: Tagebuch, Mai/Juni 1589, In Basra

Alle Seeleute … sagten, dass dies das Jahr des Taifun war. Um dies besser zu verstehen, muss man wissen, dass große Stürme in Indien nicht so häufig vorkommen wie in unseren Meeren, sondern dass alle zehn, elf oder zwölf Jahre ein über die Maßen grauenhafter und fürchterlicher Orkan entsteht, der nicht, wie üblich, vierundzwanzig Stunden, sondern drei und bisweilen auch noch mehr Tage und Nächte andauert, ohne dass man vorher mit Sicherheit bestimmen kann, in welchem Jahr und welchem Monat dies geschehen wird. Dann jedoch wehe den Schiffen, die auf Fahrt sind! Georg Christoph Fernberger, Tagebuch, Juli 1590, In der Stadt Karepatan an der Malabarküste

Hunger

Da begannen uns die Nahrung, die ansonsten ziemlich leicht zu beschaffen gewesen wäre, und das Wasser auszugehen. Da begehrte ich nicht nach jenen Köstlichkeiten der mit so vielen exquisiten Speisen gefüllten Tafel des kaiserlichen Gesandten in Konstantinopel (ich erinnerte mich gut daran, aus Übersättigung öfters Überdruss empfunden zu haben), nicht nach jenen Austern und Garnelen, nicht nach Kaviar vom Schwarzen Meer und Botarga [ein Kaviarersatz] oder kretischen Oliven, nicht nach den Kapern aus Alexandria, die zur Anregung des Appetits und des Durstes gereicht wurden, sondern ich sehnte mich oft nach einer kleinen Ration Zwieback und fauligem Wasser, um den Hunger zu dämpfen und den Durst zu stillen. Georg Christoph Fernberger, Tagebuch Oktober 1589, An Bord eines Schiffes im Golf von Bengalen

Und wenn ich die Wahrheit sagen darf, so habe ich niemals mit größerem Appetit und so ausgehungertem Magen das bisschen Reis, mit dem der Bauch sich den ganzen Tag zufrieden geben musste, verzehrt. Denn niemals habe ich so wacker gehungert wie auf dieser Seefahrt, wo es nicht einmal ausreichend fauliges Wasser gab. Georg Christoph Fernberger, Tagebuch Oktober 1589, An Bord eines Schiffes im Golf von Bengalen

Frauen, Königin von Siam, Witwenverbrennung

Da kamen an die 30 Schwarze, als wir ans Land gehen wollten, … und einer unter ihnen konnte gut Portugiesisch. … Dem gab ich zu verstehen, er solle mir sagen, was für einen Glauben sie hätten. So sagt er, die Sonne regiert bei ihnen über alles. Ich fragte, wie viele Weiber sie hätten. So sagt er, so viele als einer bezahlen kann. Christoph Carl Fernberger: Tagebuch, 20. Oktober 1622, Vor der Küste Chiles

Da habe ich mich in die Stadt begeben, zu einem Schweizer, der ein Freimann ist und ein schwarzes Weib hat. … Dieses Schweizers Frau konnte etliche Worte Deutsch, die sie von ihrem Mann gelernt hatte. So fing ich an, von ihr mit Gewalt die ersten malaiischen Wörter zu lernen. Wie ich später auch etliche Wochen das Frauenhaus, das die Holländische Kompagnie hier hat, täglich besucht habe. … Die Frauen sind zu mir zum Fenster gekommen und haben mit mir geredet, so dass ich mich in kurzer Zeit mit der Sprache behelfen konnte. Christoph Carl Fernberger: Tagebuch, Oktober 1623, In Jakarta

Da bin ich zur Königin gegangen und habe ihr die Nachricht von unserem Sieg überbracht, worüber sie über die Maßen froh war. Sie ließ ihre Frauen tanzen vor Freude, und während dieses Tanzes fragte sie mich, wo das Heerbanner wäre, das sie mir gegeben hatte. Daraufhin antwortete ich ihr, ich hätte es nach unserer Landessitte beim Kriegsvolk gelassen. Sie sah mich sauer an und schwieg eine Weile. Danach fing sie an: Wenn ich nicht so jung und aus so weit entfernten Landen wäre, so würde sie mir einen Kris [asiatischer Dolch] ins Herz stoßen lassen. Christoph Carl Fernberger: Tagebuch, 15. Februar 1625, Im siamesischen Königreich Pattani

Es hat dieses Volk den bestialischen Brauch, die Gemahlin nach dem Tod ihres Gatten lebend mit ihm zu verbrennen. Wenn diese zu den Reicheren zählt, wird sie mit offenem Haar, geschmückt mit Gold und Edelsteinen und in treffliche Kleider gehüllt auf einem Elefanten oder in einer Sänfte mit Gesang und Musik, in der rechten Hand einen Pfeil, in der linken einen Spiegel haltend, durch die Stadt geführt, begleitet von den Eltern, Freunden und vielem Volk, nicht anders, als wenn sie ihre Hochzeit feiern würde. Sobald man außerhalb der Stadt zu dem für diese Tragödie bestimmten Ort kommt, an dem ein Scheiterhaufen mit einem Eingang, unter dem der Leichnam liegt, errichtet wurde, tritt die Witwe zur Seite, vom Gefolge getrennt. Mit zwei oder drei verwandten Frauen geht sie zur Waschung zum Fluss, um alle Sünden abzuspülen, und gibt den Schmuck und die Edelsteine ihren Freundinnen; sie hüllt sich in ein gelbes Tuch und schreitet dann singend auf den Scheiterhaufen zu, wirft das Tuch von sich, salbt ihren ganzen Körper mit duftendem Öl, das ihr eine Frau über den Kopf gießt, wobei alte Frauen ein Tuch vor sie halten, damit sie nicht nackt gesehen wird. Danach wird schnell das Holz entzündet. Während sie sagt, sie wolle mit ihrem geliebten Gemahl zur Ruhe gehen, steigt sie auf den Scheiterhaufen. Danach werfen ihre Freunde Holz auf sie, damit sie durch zahlreiche Schläge sicher zu Tode kommt, noch bevor die Flammen sie töten. Sofort wandelt sich nun der Gesang und die Musik in so großes Weinen und Wehklagen und in so jämmerliches Rufen und Heulen, dass man zum Schluss tatsächlich glauben könnte, eine berühmte Tragödie sei aufgeführt worden.G eorg Christoph Fernberger, Tagebuch, September 1589, In Negapattam an der Koromandelküste

Literatur
„Georg Christoph Fernbergers Fahrt auf den Sinai, ins Heilige Land, nach Babylon, Persien und Indien (1588–1593)“ und „Christoph Carl Fernbergers Reise in sieben Jahren um die Welt (1621–1628)“, beide herausgegeben von Martina Lehner gemeinsam mit dem OK Offenes Kulturhaus Linz im Folio Verlag, Wien und Bozen 2008. – Die Zusammenstellung der Originalzitate verdankt sich der Mitarbeit von Martin Sturm, Direktor OK Offenes Kulturhaus in Linz.

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