Ausstellungen: Nürnberg · von Martin Blättner · S. 372
Ausstellungen: Nürnberg , 1994

Martin Blättner

Gloria Friedmann

»PARIA«

Kunsthaus Nürnberg, 17.9. – 24.10.1993

Das Tableau vivant: Es begrenzt ein feinmaschiges Drahtgitter den Lebensraurn von drei Naturgeschöpfen. Im kulturellen Ambiente stellen sie frappierende Fremdkörper dar, Parias, die dennoch – da gezähmt – in das Gesamtkunstwerk einer temporären Installation integriert sind. Zusammen mit einem wohlproportioniert gewachsenen Spalierobstbaum und einem – ebenfalls etwa gleich hohen – Kegel aus festgeklopftem Humus fungieren die drei Tauben im Käfig als „Stellvertreter“ – so jedenfalls der Titel. Es fragt sich nur, was sie repräsentieren. Verweisen die drei Werkteile lediglich auf die ernüchternde Realität einer kultivierten Natur oder schon auf den symbolischen Ersatz von Kunstobjekten? Oder spielt die fast mystisch anmutende Trilogie auf eine geistig höher anzusiedelnde Einheit an? Den Spekulationen sind kaum Grenzen gesetzt, den (schein-heiligen?) Tauben aber schon – die Tierschützer haben keinen Protest eingelegt. Auch von den tierischen Darstellern selbst war während der Nürnberger Ausstellung hauptsächlich gurrende Zustimmung zu vernehmen. Menschen hätten sich an ihrer Stelle und unter den gleichen zoologischen Bedingungen wohl anders verhalten. Die mögliche Totalität künstlerischer Freiheit erweist sich bei einem lebenden Kunstwerk eher gebrochen; der relativierende Eindruck drängt sich durch das Eigensein der Beteiligten auf. Daß es auch ganz anders geht, beweist die gegenteilige „Natura morte“-Installation mit einem ausgestopften Hirsch, der in einem – wiederum genau begrenzten – Rechteck aus Laub und vor einer gleichgroßen Baumrindenfläche aufgestellt wurde. Die befremdliche Wald-und-Wiesen-Idylle könnte ironisch gemeint sein. Das fragwürdige Trophäenglück der Jäger vermittelt einen verblüffend lebensnahen Eindruck, der scheinbar unversehrte Tierkörper täuscht über das Beute-Objekt hinweg. Daß gerade hier der…

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