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Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte · S. 409 - 409
Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte , 1991

Grimassen statt Individuen

JOHANNES GRÜTZKES WANDBILD FÜR DIE FRANKFURTER PAULSKIRCHE

VON CHRISTIAN HUTHER

Die Frankfurter Paulskirche zehrt noch heute von ihrer bewegten Vergangenheit zwischen dem 18. Mai 1848 und dem 30. Mai 1849, der verfassunggebenden Nationalversammlung. 1988 wurde sie nach zweijährigem Umbau im Innern für fast 25 Millionen Mark wiedereröffnet. Ein Jahr zuvor hatte man einen Wettbewerb für ein gegenständliches Fresko auf der kahlen, 33 Meter langen und 3,20 Meter hohen Wand im Innern des Rundbaus ausgeschrieben, deren enttäuschende Ergebnisse ich seinerzeit kommentierte (vgl. KUNSTFORUM Band 97, S. 337 f.).

Obwohl es sich damals um das größte Wandbild der Bundesrepublik handelte, fand man nur wenig Resonanz bei den Künstlern. Bekanntlich wurde dann der Berliner Realist Johannes Grützke zum Sieger gekürt, der den Einzug von 200 schwarzgewandeten Parlamentariern (1848 waren es fast 600 gewesen) in die Paulskirche entworfen hatte. Seit April 1989 malte Grützke an dem 14teiligen Rundbild, das nun in der recht dunklen Wandelhalle eingeweiht wurde. Ein Überblick ist nur bei Umrunden des Ovals möglich, gestört wird der Blick durch 14 Rundpfeiler, die das innere Oval umsäumen. Zudem wird das Oval von einer breiten Tür an der Rückseite unterbrochen. Insgesamt eine schwierige Raumsituation, die kaum überzeugend zu meistern ist. Sicher war das für viele Künstler ein Grund zur Absage.

Die auf gekrümmte Holzplatten aufgespannten Leinwände passen nicht ganz übergangslos ineinander, so daß einige Gesichter ein wenig versetzt scheinen, was Grützke nicht weiter stört. Grützke verlegte sich mehr auf gesichtslose Typen als auf historische Personen, denn, so der Künstler, „jeder Mensch kann Volksvertreter sein“. Er läßt…

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