Essay ,

Haltung und Kunst

von Roland Schappert

In Deutschland bedarf es zeitweise noch des Karnevals, um mit den neuen rhetorischen Standards der Weltbühne mithalten zu können. Doch eine Rede der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem „Narrengericht“ ist schnell vergessen. Dafür ist das Rätselraten um eines der neuen Reizwörter wie Intersexualität im letzten Winkel der Republik angekommen. Ist mir doch egal, ob Männer in Deutschland im Sitzen oder Stehen pinkeln, solange die CDU-Chefin in Karnevalsverkleidung zumindest symbolisch die Toiletten putzt. Ein letztes Mal vor dem Vergessen sei der umstrittene Satz noch zitiert: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist die Toilette.“1

Der letzte Satz klingt schön poetisch, gewollt oder ungewollt. Wer hätte vor ein paar Jahren bei diesem Satz an das dritte Geschlecht gedacht? Höchstens ein paar Hetero-Männer hätten müde geschmunzelt, der Rest der Bevölkerung nicht einmal aufgehorcht bei solchen Bemerkungen. Es galt unter Frauen als ausgemacht, gebeutelte Männer im Bedarfsfall oder nach unsachgemäßer Benutzung darauf hinzuweisen, gefälligst im Sitzen zu pinkeln, falls an Ort und Stelle kein separates Pissoir aufzufinden ist. Schluss damit. Heute sind altmodische Hetero-Themen eh nicht mehr diskursfähig, keiner Anspielung und Konnotation mehr wert. Dafür steht nun überall die Frage im Raum: Was darf ich noch, wenn alles anders wird oder zumindest die Sicht auf die Dinge neu wahrgenommen werden kann?

Dieselbe CDU-Chefin kritisierte bekanntlich auch „scharf die Debatte darüber, ob Kinder als Indianer oder Scheichs verkleidet Karneval feiern dürfen, nachdem diese Kostüme in einer Hamburger…

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