Gespräche mit Künstlern ,

Philippe Parreno

Das „Trans“ der Kunst

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Philippe Parreno, 1964 im algerischen Oran geboren, Künstler, Filmemacher und Autor, ist einer der bedeutendsten französischen Künstler der letzten zwei Jahrzehnte. Mit seinen Arbeiten lotet er nicht nur die Grenzen zwischen der Realität und ihrer Repräsentation aus. Er hinterfragt auch das klassische Konzept der Autorenschaft. Wie kaum ein anderer konzipiert er Installationen, Filme, Zeichnungen und Texte in engem Bezug zum Kontext und Ort ihrer Präsentation.

Bekannt wurde er in den 1990er-Jahren durch Kollaborationen mit anderen Künstlern, Architekten und Musikern aufgrund seines gegen die Produktion kontextloser Objekte gerichteten Kunstverständnisses. Seine Ausstellungen, von ihm als künstlerisches Medium verstanden, sind wie Analogien zu Filmen und musikalischen Kompositionen angelegt.

Heinz-Norbert Jocks: Lass uns als Erstes über deine Beziehung zum Phänomen der Zeit reden.

Philippe Parreno: Oh, du gehst direkt in die Vollen. Wo soll ich am besten anfangen? Zeit als Phänomen hat mich gleich zu Beginn meines Studiums an der École des Beaux Arts in Grenoble interessiert. Und wenn ich jetzt darüber rede, dass es mir um die Sichtbarkeit der Werke unter Verwendung sämtlicher damals zur Verfügung stehenden, technischen Mittel ging, wozu Autoreverse, Audio, Video ebenso zählten wie die Möglichkeit des automatischen Rückspulens-, so hat dies mit Zeit zu tun. Insofern es dabei um das Phänomen des Auftauchens und Wieder-Verschwindens geht. Wie im Kino und Fernsehen. Angesichts von erscheinenden und wieder entschwindenden Bildern fragte ich mich: Was ist das? Im Grunde wird da die Ewigkeit zu etwas Unmöglichen erklärt.

Deine Beziehung zur Kunst definiert sich mehr über die Zeit als über den Raum der Ausstellung.

Ja, deren Dauer ist lang und daher kompliziert. Für einige Künstler stellt eine mehrwöchige Ausstellung kein Problem dar. Dabei ist die eigentliche Frage: Wer entscheidet über diese Zeit? Meine Arbeit „Postman Time“ von 1992 stellt so etwas wie ein naives Resümee all meiner Überlegungen dar.

Ob bewusst oder unbewusst, hat jeder zwangsläufig eine innere Beziehung zu der Zeit. Welche existentiellen Erfahrungen brachten dich dazu, mehr die Zeit als den Raum zu bedenken?

Das Verhältnis zu der Zeit in der Kunst hat etwas Prismatisches bezüglich ihrer Begrenzung oder Endlichkeit. Was mich an dem Thema „Zeit“ darüber hinaus fesselt, ist das, was Philosophen Mechanik nennen. Die Tatsache, dass das Eine etwas anderes auslöst oder zu etwas Anderem führt. In gewisser Weise erklärt dies meine Faszination für den Film und das Schreiben, wo ein Wort das andere hervorbringt. Raymond Roussel1 sprach von der Prozessualität und der Schaffung eines Raumes der Prozessualität der Zeitlichkeit, der mich ermutigt, diese Art von Zeitlichkeit zu schaffen. Es gibt auch die Zeit, die ich mit anderen geteilt habe. Übrigens finde ich das Gerede von Zeit als Dauer absurd, denn es gibt weder einen Anfang noch ein Ende. Apropos Anfang ohne Ende, dazu fällt mir eine Erinnerung ein: Als ich in jungen Jahren nach Paris kam, sprangen mir die vielen Porno-Kinos ins Auge, in denen wechselnde Filme in Endlosschleifen liefen. Im Grunde schummrige Räume, die so etwas wie Dauer produzieren. Dieses spezielle Erlebnis in einem Pornokino führte dazu, dass…

Dieser Artikel ist aus dem aktuellen Band und somit nur für Abonnenten zugänglich.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen sie direkt weiter:

Probelesen

  • 1 Ausgabe bequem nach Hause geliefert
  • 30 Tage Digitalzugang und E-Paper inklusive
  • Ersparnis über 30%

19,90 €

Print-Vorteilsabo

  • 4 Ausgaben bequem nach Hause geliefert
  • Digitalzugang und E-Paper inklusive
  • Bei Zahlung per Lastschrift zusätzlicher Gratisband
  • Ersparnis über 20%

89,60 €

von Heinz-Norbert Jocks

Weitere Artikel dieses Autors