Titel: Graffiti NOW - I. Autonomie und Ästhetik · von Larissa Kikol · S. 46
Titel: Graffiti NOW - I. Autonomie und Ästhetik ,

Graffiti. Ein diffuser Nebel in der Kunstwelt

Ansätze für einen differenzierten Umgang mit dem Autonomen

von Larissa Kikol

Graffiti ist nicht demokratisch.

(Viel) Graffiti zeichnet einen demokratischen Staat aus.

Graffiti ist nicht Banksy.

Graffiti ist ästhetischer Vandalismus gegen den korrekten Massengeschmack.

Graffiti-Sprayer sind keine Streetworker.1

Graffiti ist keine primitive Vorstufe von Street-Art.

Graffiti ist die Autonomie der gestaltenden Obsession.

Graffiti ist der Sieg des Bildes in der illegalen Real-Performance.

Graffiti ist so heterogen in seiner Erscheinung und seinem künstlerischen Wert wie die Ding-Kategorie „Malerei“ und gehört genauso zur Kunstgeschichte.

 

BISHERIGE UMGANGSSCHWÄCHEN MIT DEM VERBOTENEN. ODER: WAS IST GRAFFITI?

Die Vermutung liegt im Raum, dass die Kunstwelt nicht genug über Graffiti weiß. Der Kunstweltvolksglaube assoziiert Graffiti zuerst mit Banksy, danach mit dekorativen Wandbildern, die Bürgerselbstbestimmung und die Aura einer bunten, politisch korrekten, kreativen Stadt vermitteln. An dritter Stelle erinnert Graffiti an pädagogische Interventionen in der Jugendarbeit. Der Nebel um die Graffiti-Bewegung und ihren gegenwärtigen Zustand ist so groß, dass der Berliner Sprayer Clint 176 sich zu dieser Aussage genötigt sah: „Graffiti hat sich entschlossen, sich nicht weiter zu den ge- / versammelten Missverständnissen zu äußern.“2

Das vorherrschende Klischee einer Graffiti-Ästhetik, die Buchstaben betrifft, ist ein eckiges, kunterbuntes Tribal-Knäuel aus verdrehten Buchstaben, Pfeilen und aufgesprühten Lichteffekten. Zwar sehen einige, meistens die konservativen, Graffitis so aus, doch kennt man diese Bilder ebenfalls von Schulmäppchen, -ordnern und anderen Produkten der Warenwelt. Wird Graffiti von Ausstellungsinstitutionen aufgegriffen, dann vermischen einige ziemlich sorglos Street Art und Graffiti. Gezeigt wird oft Kitsch: fünf Meter hohe Mangafiguren mit Kulleraugen für den Weltfrieden oder angewandter Konstruktivismus zum Schön-Finden. Die Street-Art lebe „von der…

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