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Ausstellungen: Hamburg · S. 312 - 313
Ausstellungen: Hamburg , 1989

Doris v. Drathen
Jan Meyer-Rogge

K3, 25.11.-30.12.1988
anläßlich der Verleihung des Edwin-Scharff-Preises

Obwohl Wittgenstein sich so gut mit seiner Arbeit verbinden ließe, erliegt Meyer-Rogge nicht dem Trend und zitiert etwa solche Sätze wie „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ – der 53jährige Hamburger Bildhauer stützt sich nicht auf Theorien, sondern verfolgt mit selbstverständlicher Schlichtheit sein Leben lang ein Phänomen, daß er knapp so formuliert: „Überspitzt ließe sich sagen, daß alles, was aufrecht steht, gleichzeitig stürzt. In immer neuen Konstruktionen erprobt Meyer-Rogge das extreme Gleichgewicht, ohne irgendeine Sinngebung oder Deutung, „einfach“ in dem Streben danach, das Verhalten von Kräften zu zeigen, den Punkt zu finden, wo diese Kräfte deutlich werden, wenn er etwa zwei Flachstahl-Winkel so an die Wand bringt, daß auf dem zum Fallen neigenden Schenkel des einen Winkels der Schenkel des anderen Winkels nur an einem einzigen Punkt aufliegend frei balanciert („Gleichgewicht und die Unruhe darin“, 1987/88).

Was gegeneinander fällt, stützt sich gegenseitig. Zwei Kreisbögen aus vierkantigem Stahlband etwa berühren einander an einem Punkt ihrer Schnittflächen. Der eine Kreisbogen ruht mit der Schnittfläche auf dem Boden, wölbt sich konvex; der andere wölbt sich konkav und ruht balancierend auf einem Punkt der Wölbung -„Gezeiten I“, 1987/88, heißt die Arbeit.

Diese Serie von „Gezeiten I-VI“, 1987/88, gehört zu den wenigen Arbeiten, die den Titel des Phänomens tragen, auf das Meyer-Rogge sich eher als auf große Theorien bezieht – es ist der knappe Moment des Stillwassers, wenn Ebbe und Flut einander ablösen und für einen Augenblick die Boje senkrecht zwischen den…


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