Ausstellungen: Nürnberg , 1991

Martin Blättner

Karl Prantl

»Steine der Großen Straße«

Kunsthalle Nürnberg, 16.5. – 9.6.1991

Für den entrückten Christian in Ludwig Tiecks Erzählung „Der Runenberg“ (1802) reden Steine. Wertlose Kiesel hätten Feuer im Herzen, man müsse es nur herausschlagen. Die Dichtung der Romantik verwies bereits auf die riskante Gratwanderung der (post)modernen Kunst, die oft mehr zu sein vorgibt, als sie ist. Tragisch möchte man eine solche Darstellungskunst nennen, die mit dem Verlust von Identität erkauft wird, denn sie führt zur Vereinsamung im exzentrischen Anderssein. Es sind aber vor allem die Bildhauer, die mit einem gewissen Recht eine Poesie des Steinernen und die Wiederbelebungskunst des scheinbar Toten für sich beanspruchen. Sie überwinden das unbelebte Material, erwecken es und hauchen ihm die Seele ein. Wenigstens bildlich. Karl Prantl versteht sich nicht ganz so. Zwar verwandelt er Steine in Skulpturen von einfachster Form und meditativer Ruhe. Er geht aber vom Stein als dem beseelten, individuellen Wesen a priori aus und will ihm deshalb keine Gewalt antun. Er prägt ihm die Form nicht auf. Er sucht und findet sie. Er reagiert auf die Signale und Aufforderungen des Steins. Zuletzt auf die Steine der Großen Straße vom ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Noch ein Umgestalter hat sich also nach der gescheiterten Friedenspark-Idee der Nürnberger Kulturreferentin Karla Fohrbeck zu Wort gemeldet: Man solle darauf verzichten, auf der Großen Straße Autos zu waschen. Sinnvoller wäre es, sich sonntags um eine Steinplatte zu setzen und das Brot zu brechen. Es gelte, nicht nur anzuklagen. Die Zeit wäre vielleicht reif für die Verwandlung der Brutalität und…

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von Martin Blättner

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