Titel: Documenta IX · von Hermann Pfütze · S. 115
Titel: Documenta IX , 1992

HERMANN PFÜTZE

Schauen und verehren

DEM PUBLIKUM UNVERSTÄNDLICH ENTGEGENKOMMEN

»… nicht sich des Kunstwerks bemächtigen,
sondern sich ihm verloren überlassen …«

(Marinetti, Futuristisches Manifest, 1912)

Darum geht es immer wieder: nicht nur die Werke distanziert zu begutachten, sondern sich auf das Abenteuer mit der Kunst einzulassen; nicht die Abwehr zu mobilisieren gegen das Neue und Fremde und Unverständliche, sondern der „Lust des Verschwindens im Kunstwerk“ (Adorno) nachzugeben.

Der Einwand, hier werde Erfahrung gegen Erkenntnis ausgespielt, kann sogleich entkräftet werden. Denn die Erfahrung ist ein Erkenntnisprozeß, ein, wie Gadamer sagt, „synthetischer Akt“ und eine „Aufbauleistung“1, freilich nicht, um eine Sache zu bewältigen oder einen Zweck zu erfüllen, sondern die Kunsterfahrung ist eine ebenso intentionslose wie höchst reflektierte und empfindliche Aktivität, nämlich Lust. Und an diese Erkenntnislust reicht der dürftige Begriff des Kunstgenusses nicht heran, der nur aus ist auf Wiedererkennen und Geschmacksbestätigung. „Man hört heraus, was man schon weiß. Man will gar nichts anderes hören und man genießt diese Begegnung als eine, die einen nicht umstößt, sondern auf eine welke Weise bestätigt.“2

Umstoßen soll die Begegnung mit der Kunst, verschwinden soll man im Kunstwerk und sich ihm verloren überlassen – ist das nicht ein bißchen viel verlangt vom Publikum? Ja und nein. Denn das Vergnügen und der Genuß, den die Kunst allen schenkt und gratis gibt mit Bildern in der Werbung, mit Radiomusik oder Künstlerporträts im Fernsehen, gehört als „gesellschaftliches Zweckmoment“ genauso zum „Doppelcharakter der Kunst“ wie ihre ästhetische Autonomie, die nichts schenkt, sondern alles verlangt. Adorno betont, daß die antagonistische Spannung zwischen dem Gesellschaftlichen und dem…

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