Titel: Situation Schweiz · S. 31
Titel: Situation Schweiz , 1983

Sonderfall Schweiz und die Umgebung der Kunst

von Armin Wildermuth

Schweizerische Identität – was ist das?

Es gehört zur schweizerischen Identitätsbildung, mit Dichotomien, Widersprüchen und Pluralitäten, aber auch mit Tendenzen zur Vereinheitlichung, Konfliktvertagungen und Konsens-Bildungen umzugehen. Das Wort schweizerisch bezeichnet keine Eindeutigkeit, wie es vielleicht die Worte „französisch“, „italienisch“ oder „deutsch“ auf den ersten Anhieb hin zu suggerieren scheinen. Alle diese national-kulturellen Bezeichnungen reduzieren unzulässig und erzeugen unangemessene Mental-Bilder. Ein Kleinstaat, der in sich nicht einmal eine eigene einheitliche Sprache ausbildet, die alle verstehen, keine Kultur zustande bringt, auf die sich alle gleicherweise beziehen können und dessen Identität gerade die kulturelle Pluralität sein soll, bildet sicher ein Unikum unter den europäischen Staaten. Es liegt sicher nahe, das Schweizerische semantisch im Bereich des Politischen zu suchen, in der demokratischen Politik-Kultur und in den Leistungen der Konfliktregelung zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften. Hier zeigt sich aber sehr rasch wieder ein Paradox, ist doch die Schweiz politisch ein sehr bewußtes Gebilde, das nach außen hin seinen Sonderstatus immer wieder geltend macht, obwohl seine Träger sehr bedacht sind, den schweizerischen Staat als Milizdemokratie, ja als Minimai-Staat betreiben zu können. Das führt zu seltsamen Verzerrungen im Selbstverständnis, wie auch bei der praktischen Arbeit im schweizerischen Staatsgebilde.

Dem Aspekt der Pluralität und Offenheit zur französischen, italienischen und deutschen Kultur, wie auch der inneren Vielfalt von regionalen und lokalen Kulturen, die auch heute noch sehr intakt sind, widerspricht eine rigorose Dichotomie, die den ganzen schweizerischen Alltag durchzieht, die man etwa mit den Gegensätzen erlaubt und nicht-erlaubt, gestattet und verboten bezeichnen kann. Ihr entspricht…

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