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Ausstellungen: Köln · S. 352 - 352
Ausstellungen: Köln , 1983

Zwei von 10 sind älter

Premieren-Ausstellung in der Galerie Ricke

Seit geraumer Zeit (er)findet Rolf Ricke – meist gemeinsam mit seinen Künstlern – Sentenzen, die eines sicher für sich haben: Herauszufordern, ohne zu erläutern. Nun, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da man dem Innovations-Denken der Avantgarden den Krieg erklärt hat, ließt man auf der Einladungskarte: „Kunst bedeutet überhaupt nichts, wenn sie nicht neu ist. (Schinkel)“. Dies zu ‚beweisen‘, sollte man annehmen, traten anläßlich der Kölner Premieren-Tage 10 Künstler an, darunter mit Richard Artschwager und Keith Sonnier, zwei Vertreter amerikanischer Kunst der 60er Jahre. War es nun ein purer Gewaltakt oder eine verschleierte Accrochage, den gestandenen Vertretern von Avantgarde und Moderne eine nicht zu ordnende Ansammlung junger Künstler entgegenzustellen? Wohl kaum. Ricke hat in jüngster Zeit manch ähnliche Konstellation erprobt – mal thematisch spezialisiert wie im Falle der farbigen Skulptur, mal offen wie im gegebenen Fall. Ohne Deklamationen wurden so die Künstler und auch das Publikum einem Dialog ausgesetzt, der auf leisen Spuren Reflektionen über Brüche und/oder Kontinuität in der jüngeren und jüngsten Kunstentwicklung nahelegt. Da kann Auswahl kaum willkürlich sein. Wer etwas mit dem Namen der jüngeren Vertreter (Werner Büttner, Walter Dahn, Helmut Dorner, Hubert Kiecol, Horst Münch, Christina Thomas, Volker Tannert, Norbert Wolf) verbindet, ahnt noch vor der augenscheinlichen Begegnung mit dem ausgestellten Werk, daß hier kein belangloses Würfelspiel getrieben wird, sondern präzise Positionen für unvoreingenommene Begegnungen bezogen werden. So kann man ohne abrupten Szenenwechsel von der intellektuelleren, gleichwohl suggestiven Zeichensprache Keith Sonniers zur offenen Komposition archaischer Formen und zerstörter Figurenganzheit bei Horst Münch schreiten oder von Volker Tannerts aus der dunklen Malfläche herausgeschleuderte Körper-‚Fetzen‘ in die Nähe von Helmut Dorners eher kühl distanzierter, und dennoch bizarr-bedrohlicher Skulptur rücken. Dann führt ein Weg auch von Artschwagers analytischem Umgang mit der Nicht-Besonderheit des Kunststücks zwischen Abstraktion und Gegenstand zu den lapidaren Transformationen des fremdgewordenen Mythos Wirklichkeit in den Architekturen von Hubert Kiecol. Dann werden vor allem die Übergänge zwischen der sogenannten ‚Inhaltsmalerei‘ und den nicht-figürlichen Kompositionen in der jungen Kunst fließend auch was die potentielle Energie im Aufstand gegen eine bedrohend empfundene Wirklichkeit angeht.

Sicher wird man nicht umhin können, festzustellen, daß bei den älteren der künstlerische Ansatz stärker von offen zupackender Reflektion und selbstgewisser Setzung getragen ist, während in der jüngeren Generation dem Ungewissen Ausgang einer intuitiv-emotionalen Zeichensetzung der Vorrang gebühren dürfte. Gleichwohl, so wenig die Intellektuellen Rationalisten waren, so wenig sind die Jungen geistlose Bauchredner und selbstvergessene Subjektivisten. Der Aufstand gegen den normierenden status quo geht weiter – nur eben ’neu‘.
Annelie Pohlen