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Titel: sýn Zusammen bíos Leben - 1 Einführung · von Judith Elisabeth Weiss · S. 50 - 59
Titel: sýn Zusammen bíos Leben - 1 Einführung ,

Sympoiesis

Vom Klima zur Achtsamkeit, von der Katastrophe zur Vernetzung
von Judith Elisabeth Weiss

Mit Schweinen schmusen – zur Aktualität einer Ethik der Achtsamkeit

Männer und Frauen im Businessdress knien oder liegen im Stroh und streicheln zärtlich vor ihnen liegende Schweine. Die Irritation dieser Szenerie liegt zunächst in der Deplatziertheit der Personen in Schlips und Kragen, und schließlich in der Handlung der Figuren selbst, die darin besteht, Intimität mit sogenannten Nutztieren herzustellen. Gestreichelt werden üblicherweise Hauskatze oder Hund. Was sich hier vordergründig als Selbsterfahrungs- und Kuschelgruppen-Coaching offenbart, ist eine Sequenz aus der Videoarbeit Night Soil – Nocturnal Gardening (2016) von Melanie Bonajo (*1978), die den niederländischen Pavillon auf der 59. Venedig Biennale 2022 repräsentieren wird. [01] Gedreht hat die Künstlerin die Szene in einer Auffangstation für Schweine, die größtenteils aus Schlachthäusern gerettet wurden.

Die Arbeit kann freilich als Kommentar auf die Perversion der Massentierzucht und auf die Lebensmittelindustrie als Maschinerie der gnadenlosen Verdinglichung des Lebens betrachtet werden – und damit als Aufforderung, unsere ethischen Modelle zu überdenken. In ihrer ästhetischen Transformation wird Berührung zu einer Metapher, die jedoch noch viel weiter reicht und auf eine kulturelle Praxis anspielt, die derzeit prominent Eingang in Kunst und Ausstellungsbetrieb gefunden hat: die Möglichkeit zur Empathie anderen Arten gegenüber und das damit verbundene Konzept der Fürsorge.

Die Videoarbeit Pteridophilia (seit 2016) des chinesischen Künstlers Zheng Bo (*1974) präsentiert sich ebenso als Inszenierung einer ungewohnten erotischen Innigkeit, hier jedoch zwischen Pflanze und Mensch. [03] Die Berührung von Gräsern, Bäumen und Farnen gibt sich, wie das Kuscheln mit Schweinen, als eine Form der Grenzüberschreitung zu erkennen, die modellhaft für ein neues Verständnis von Natur-Kultur-Konstellationen steht. Die Kunst erfüllt in diesen Arbeiten ihre Aufgabe, Wahrnehmungskonventionen und kanonisierte Handlungsweisen zu stören, um zu neuen Perspektiven zu gelangen.

1967 formulierte der amerikanische Soziologe Harold Garfinkel die Frage: „What can be done to make trouble?“, die seither immer wieder auf die Kunst bezogen wurde. Garfinkels Frage ist im Kontext seiner „breaching experiments“ (Krisenexperimente) zu sehen, die Gefühle der Irritation, der Angst, der Empörung, der Verlegenheit und Unruhe hervorrufen sollten. Der Soziologe ging davon aus, dass auf diese Weise Reflexionen entstehen würden, „durch die die Fremdheit einer hartnäckig vertrauten Welt entschlüsselt werden kann“.1

Wir werden in naher Zukunft sehen, ob die Erde den Menschen gehört, oder ob die Menschen noch zur Erde gehören. — Melanie Bonajo

Die Biologin und Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway greift die Denkfigur der Unruhe in ihrer einflussreichen Schrift Staying with the trouble (2016, dt. Unruhig bleiben, 2018) auf, in dem sie angesichts einer ökologisch gefährdeten Welt für neue Erzählungen plädiert, die nicht den Menschen als Hauptakteur in den Mittelpunkt stellen. Neue Narrative rufen demnach Unruhe hervor, und die Unruhe wiederum kann Erkenntnisse über die tiefsitzenden Ungleichheiten zwischen Kulturen, sozialen Strukturen und Arten liefern: Diese sind nicht nur eine grundsätzliche Folge der menschlichen Besiedelung der Erde, sondern auch eine Folge diskriminierender Systeme. Fürsorge, so Haraway, sei mit der beunruhigenden Verpflichtung zur Neugierde verbunden, die verlange, am Ende des Tages mehr zu wissen als am Anfang.2

Als Form des „Mit-Werdens“ bedeutet Fürsorge also nicht nur, von einem Anderen berührt zu sein und in irgendeiner Weise an seinem Schicksal Anteil zu nehmen, sondern bezieht ein kontextuelles und kritisches Wissen über den Gegenstand der Fürsorge mit ein. Die Ausstellung Making Kin im Kunsthaus Hamburg (2020) setzte den theoretischen Kosmos von Donna Haraway als begehbaren Raum in Szene. Im Mittelpunkt standen nicht nur hybride Netzwerke zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, sondern auch ein zukunftsorientiertes ökologisches Prinzip der Verbundenheit, eben einer Verwandtschaft der Arten. Melanie Bonajo beschäftigte sich in dieser Schau mit der Möglichkeit eines offenen, integrativen und vorurteilsfreien Umgangs, für den das Kuscheln mit Schweinen symbolisch steht.

Ihre Frage nach Modellen der Gemeinsamkeit verknüpft die Künstlerin mit dem Wissen indigener Völker. [04] „Ich interessiere mich dafür, wie Menschen sich durch ihre Kulturen, insbesondere die traditionellen, im Leben einrichten. Um diese kulturellen Prozesse zu verstehen, bin ich viel gereist und habe Zeit mit verschiedenen indigenen Völkern verbracht. Ich lernte von ihrer Art zu leben, ihrer Verbindung untereinander, ihrer Geisterwelt und der Erde. Alle diese Kulturen eint der Gedanke, dass die Natur ein sensibles ökologisches System ist, in dem der Mensch ein Teil ist und seinen Platz verstehen muss. (…) Wir werden in naher Zukunft sehen, ob die Erde den Menschen gehört, oder ob die Menschen noch zur Erde gehören.“3 Doch lässt sich eine Verschränkung von westlichen kanonisierten und indigenen Wissenssystemen realisieren, ohne sich in einer postkolonialen Endlosschleife den Vorwurf der Aneignung einzuhandeln?

Achtsamkeit schließt eine Anerkennung der Verletzlichkeit des Anderen ein, durch den man selbst verletzlich wird.

Mit Klimawandel und Pandemie als globalen Großereignissen sind – wie häufig, wenn massive Krisensymptome an die Oberfläche treten – unterschiedliche Akteurinnen und Akteure hervorgetreten, die den alten Begriff der Fürsorge gleichsam als Antidot aktualisieren. Lösen sich alte Gewissheiten auf, besteht die kulturelle Arbeit in der Etablierung neuer Verbindlichkeiten. Das Bemühen, Kunst mit Überlegungen zu einer Ethik der Achtsamkeit in Verbindung zu bringen, kommt in Veranstaltungen wie Rituals of care und Days on Caring, Repairing and Healing (2021) im Gropius Bau oder der Vienna Biennale for Change 2021 unter dem Motto Planet love. Klimafürsorge im Digitalen Zeitalter zum Ausdruck. [04]

Achtsamkeit schließt eine Anerkennung der Verletzlichkeit des Anderen ein, durch den man selbst verletzlich wird. Sie widmet sich den Bedürfnissen des Anderen und zielt auf eine Wechselseitigkeit, durch die sich eigene Bedürfnisse befriedigen lassen. Diesen Zusammenhang von Selbst und Anderem thematisierte Michael Landy bereits 2011 mit seiner Aktion Acts of Kindness in der Londoner U-Bahn. [05] Der 2001 durch seine Zerstörungsaktion Break Down schlagartig als „top rubbish artist“ bekannt gewordene Künstler sammelte Berichte über Momente des Mitgefühls, die Fahrgäste in der Londoner U-Bahn erlebt haben. Landy beschäftigt sich im weiteren Sinne mit der christlich fundierten Dialektik von Gewalt und Nächstenliebe, von Zerstörung und Mitleiden?4

Die Kulturleistung der Achtsamkeit als eine Form des Zusammenwirkens, der Durchmischung und der Verwobenheit dient derzeit der Beschreibung eines globalen Gesamtzusammenhangs gesellschaftlicher, politischer wie ökologischer Systeme. Künstlerische Positionen der 1960er- bis 1990er-Jahre sind vornehmlich von Überlegungen zur kritischen Ökologie geprägt und betreiben ihre gestalterische Praxis häufig als eine Form des Aktivismus im Kontext einer grünen Politik. Im Zuge der Debatten um das Anthropozän und den menschlichen Anteilen am Klimawandel reagieren Künstlerinnen und Künstler seit der Jahrtausendwende demgegenüber zunehmend auf theoretische Konzepte, die sich gegen etablierte Natur / Kultur-Dichotomien wenden und sich gerade nicht als Signatur einer grünen Politik verstanden wissen wollen. Ein in ihrem Sinne verstandenes relationales Denken bezieht den Menschen als Teil mit ein und versagt ihm die herrschaftliche Geste, die Anderen dieser Welt schützen zu wollen.5

Symbiose – zur Karriere eines Konzepts

In Diskussionen zu Klimawandel, Artensterben und zum desolaten Zustand der Erde ganz allgemein stößt man aktuell häufig auf die Feststellung, der Mensch müsse nicht den Planeten retten, sondern eher sich vor sich selbst. Formuliert hat diesen Gedanken die Biologin und Symbioseforscherin Lynn Margulis bereits Ende der 1990er-Jahre in ihrem Buch Symbiotic Planet. A New Look at Evolution (1998): „Die Anmaßung der Menschen, Verantwortung für die lebende Erde zu übernehmen, erscheint mir lächerlich – es ist die Rhetorik der Machtlosen. Unser Planet sorgt für uns, nicht wir für ihn. Unser aufgeblasenes moralisches Gebot, eine widerspenstige Erde zu zähmen oder unseren kranken Planeten zu heilen, zeigt nur unsere maßlose Fähigkeit zur Selbsttäuschung. In Wirklichkeit müssen wir uns vor uns selbst schützen.“6

Gegen die hier formulierte Anmaßung treten aktuell Begriffe wie „Mischung“, „Synthese“ oder „Symbiose“ als Hoffnungsträger für die ökologische Kränkung an, die dem Menschen derzeit widerfährt. Denn nicht alleine die komplizierte Dynamik der Biosphäre und die Unmöglichkeit ihrer Beherrschbarkeit weisen ihn in die Schranken. Auch das pandemische Geschehen hat einmal mehr gezeigt, dass sich der Mensch im Gesamtgefüge existierender Mitwesen befindet, die buchstäblich viral gehen und Besitz von ihm ergreifen können. Der Planet sorgt – aber nicht immer dieselben Lebewesen profitieren davon. Derzeitige Szenarien laufen darauf hinaus, dass mit dem Erreichen ökologischer Kipppunkte die Evolution die Quelle der Destabilisierung, die technische Zivilisation, eliminieren wird.

Wissenschaftler wie Künstler nehmen innerhalb dieser Diskurse bisweilen eine prophetische Rolle ein: Der Prophet zeigt die Katastrophe auf und mahnt zur Umkehr, auf dass die Katastrophe nicht eintrete. Die Verkündigung zielt auf die Neupositionierung des Menschen innerhalb des komplexen Gefüges anderer Lebewesen. Für Theoretikerinnen und Theoretiker wie James Lovelock, Bruno Latour, Donna Haraway und anderen besteht die Grundannahme darin, dass sich evolutionärer Erfolg nicht primär über den Konkurrenzkampf von Individuen einstellt, sondern durch die Kooperationsstrategien symbiotischer Gemeinschaften.7 Sie rekurrieren auf die wegweisenden Forschungen von Lynn Margulis, die das gesamte Erdsystem als ein Netzwerk voneinander abhängiger Ökosysteme begreift. Der symbiotische Planet besteht demnach aus einem relationalen Gefüge, das Hybridisierungen, Wechselbeziehungen und Verschränkungen zulässt. Das Konzept der Symbiose schließt Konkurrenz nicht per se aus, sondern lässt sich als eine Form des Zusammenwirkens begreifen, die bereits ausdifferenzierte Lebens- und Funktionszusammenhänge stabilisiert.

Beuys’ Erdtelephon (1967) steht paradigmatisch für die Kräfte und Transformationen, die durch Verbindung und Dialog freigesetzt werden.

Das Nachdenken über ökologische Wechselwirkungen im gleichzeitigen Miteinander aller Organismen ist keine Erfindung von Vertreterinnen und Vertretern einer politischen Ökologie des 21. Jahrhunderts, die sich angesichts der Herausforderungen der Klimakrise auf die Suche nach neuen Denkmodellen begeben. Die Begriffe Ökologie (Ernst Haeckel), Symbiose (Anton de Bary) oder der Terminus Mykhorizza-Mycel für die Pilz-Pflanze-Verflechtungen (Albert Frank) sind vielmehr Wortschöpfungen aus dem 19. Jahrhundert und waren schon seinerzeit mit der Idee einer systembegründenden Wechselseitigkeit verbunden. Als Beschreibung für die Wechselbeziehungen von Organismen untereinander, aber auch zwischen Organismen anderer Arten und Populationen legten sie den Grundstein für heutige Theorien vom planetarischen System als bewegtem Netzwerk. An ihnen entzündet sich aktuell ein wissenschaftstheoretischer Konflikt: Der Ansicht von der Verwobenheit der Lebewesen, die von einer Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den Spezies ausgeht, stehen wissenschaftliche Konzepte gegenüber, die diese Auffassung problematisieren und sie als unzulässige Anthropomorphisierung ablehnen.8

Die Kritik an Vermenschlichung und symbolischer Aufladung anderer Lebewesen ist mit der Frage verbunden, wie weit die Anschaulichkeit wissenschaftlicher Sprache zur Beschreibung von Phänomenen getrieben werden darf, ohne Gefahr zu laufen, die tatsächlichen Unterschiede zwischen Mensch, Tier und Pflanze einzuebnen. Im Mittelpunkt der Kontroverse steht die lebensweltliche Hierarchisierung der Lebewesen, die den Menschen an die Spitze der Stufenleiter stellt. Das Konzept der Symbiose versteht sich als verbindendes Glied zwischen Flora, Fauna und Mensch – und was dem Menschen symbiotisch nahe rückt oder gar Anteile von ihm besitzt, dem muss eben auch Würde zugesprochen werden.9

Das Prinzip Wood Wide Web – zur Vernetzung zwischen Mensch, Erde und Technologie

Zeitgleich mit den Überlegungen Margulis’ tauchte die Wortprägung „Wood Wide Web“ auf, die mittlerweile große Prominenz genießt. Dieser Neologismus beschreibt die kilometerlange Vernetzung von Bäumen und Pilzen unter der Erde, die dem Austausch von Nährstoffen dient. Geprägt hat den Begriff der Biologe David Read, der in seinem Artikel The ties that bind (1998) die richtungsweisenden Forschungen von Suzanne Simard gewürdigte hat.10

Simards experimenteller Nachweis, dass Pflanzen mithilfe des Mykorrhiza-Netzwerks untereinander Kohlenstoff austauschen, legte den Fokus nämlich fortan weniger auf die Konkurrenz zwischen den Pflanzen als vielmehr auf die Verteilung der Ressourcen innerhalb der Lebensgemeinschaft. Der an das World Wide Web angelehnte terminus technicus ist seither weit verbreitet und spielt auf die dominierenden Bestimmungen des Internets an: die Weitergabe von Informationen und die Verknüpfung sozialer Netzwerke. Die traditionelle Vorstellung der Pflanze als Stoffwechselmaschine weicht dem Bild eines vernetzten Gewächses, das sich einem semiotischen Prozess vergleichbar in einem permanenten Informationsfluss mit anderen Organismen befindet.

Lösen sich alte Gewissheiten auf, besteht die kulturelle Arbeit in der Etablierung neuer Verbindlichkeiten.

In der Kunst fügen sich die Konzepte von Achtsamkeit und Symbiose in die Tradition eines bildnerischen Denkens, das Modelle von sozialem Handeln entwirft und in der sozialen Plastik von Joseph Beuys ihren wichtigsten Referenzpunkt findet. Sein Erdtelephon (1967) steht paradigmatisch für die Kräfte und Transformationen, die durch Verbindung und Dialog freigesetzt werden. [06] Folgt man indes der Auffassung des Pioniers der Roboterkunst, Leonel Moura, so ist Kommunikation auch zwischen Mensch und Maschine und zwischen Maschinen möglich. In seinem Manifest für Symbiotische Kunst (2004) plädiert er für eine Roboterkunst, wie sie von seinen seit 2001 konstruierten „artSbots“ hervorgebracht wird. [07] „Auf diese Weise macht der symbiotische Künstler deutlich“, so die explizite Systemkritik des Künstlers, „dass die Technologie der Kreativität dient und nicht der zerstörerischen Militärindustrie oder dem Merkantilismus.“11

Als ethische Kategorie findet das Konzept der Symbiose in den Künsten, so scheint es, mit einer viel größeren Unbefangenheit Anwendung als in der Wissenschaft. Als Hüterin der Fantasie hat die Kunst immer schon surreale Hybridisierungen, provokante Wechselbeziehungen und schier undenkbare Verflechtungen und Verschränkungen in Szene gesetzt. Die Kunstgeschichte ist bevölkert von grenzüberschreitenden Tier-Pflanze-Mensch-Wesen und von Gebilden organisch-technischer Verbindungen. Mit ihnen öffnet sich das breite Repertoire der Ästhetiken des Zusammenwirkens von Kunst und Wissenschaft, von Werk und Politik, von Mythos und Wirklichkeit. „Alle existentiellen Grenzen sind fließend geworden, Verwandlung, Metamorphose, Mensch, Ding, Tier, Welt gehen ineinander über“, betonte der „Halbsurrealist“ Heinz Trökes bereits 1946 während seines Vortrags Fragen der modernen Kunst. Der Mensch „wird eingeordnet und nicht, wie in einem jetzt so häufig zitierten Humanismus, allem Sein und Leben rational übergeordnet.“12

Als Hüterin der Fantasie hat die Kunst immer schon surreale Hybridisierungen, provokante Wechselbeziehungen und schier undenkbare Verflechtungen und Verschränkungen in Szene gesetzt.

Ästhetiken des Zusammenwirkens nehmen als Projektionsfläche menschlicher Ängste, Sehnsüchte und Wünsche vielerlei Gestalt an. Seit zwei Jahrzehnten kommt dem Symbiose-Begriff in der Kunst vor dem Hintergrund des Klimawandels und der tiefgreifenden Technologisierung des Lebens eine große Dringlichkeit zu. Er steht für die Neubewertung der Spezies Mensch im Ringen um neue Lebensmodelle. Denn die Zivilisation, die als Gegenkonzept zu einer wilden Natur auftritt, lässt sich in ihrer überkommenen Form als eine sich selbst zerfleischende medusenhafte Kreatur darstellen. Die Collage This You Call Civilization? (2008) von Wangechi Mutu (*1972) präsentiert die Übergänge von Pflanzlich-Triebhaftem in Fleischlich-Leibhaftes als fulminante System- und Ideologiekritik. [08]

ANMERKUNGEN
1 Zit. n. Ruth Benshop: „A Thought Experiment on Artistic Research as High-Risk Ethnography“, in: Henk Borgdorff, Peter Peters, Trevor Pinch (Hg.): Dialogues Between Artistic Research and Science and Technology Studies, New York 2019, S. 46 – 60, hier S. 54.
2 Donna J. Haraway: When Species Meet, Minneapolis 2008, S. 36.
3 Melanie Bonajo: https://rectangle.be / melanie-bonajo/ (zuletzt aufgerufen: 7.1.2022), Übersetzung der Autorin.
4 Siehe hierzu: Judith Elisabeth Weiss: „Heilige Apollonia und ‚göttliche‘ Lisa. Das Gesicht zwischen Erlösung und Erlöschung“, in: Mona Körte / Judith Elisabeth Weiss: Randgänge des Gesichts. Kritische Perspektiven auf Sichtbarkeit und Entzug, Paderborn 2017, S. 241 – 282.
5 Zur theoretischen Diskussion siehe Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen, Berlin 2019, hier besonders das Kapitel „Die Stimme der Natur“, S. 453 – 471.
6 Lynn Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, Frankfurt / Main 2021, S. 151 – 152.
7 James Lovelock: Gaia: A new Look at Life on Earth, Oxford 1979; Bruno Latour: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Berlin 2017; Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt / Main, New York 1995.
8 Siehe hierzu Judith Elisabeth Weiss: Disziplinierung der Pflanzen. Bildvorlagen zwischen Ästhetik und Zweck, Berlin 2020, S. 119 – 149; Judith Elisabeth Weiss: „Unleibliche Agenten. Zum Verhalten von Pflanzen“, in: Georg Toepfer / Sophia Gräfe (Hg.): Verhaltenswissen, Göttingen (erscheint 2022).
9 Siehe hierzu die Diskurse um Natur als Rechtssubjekt: Frank Adloff / Tanja Busse (Hg.): Welche Rechte braucht die Natur? Wege aus dem Artensterben, Frankfurt / Main 2021; Tabios Hillebrecht / Anna Leah / María Valeria Berros (Hg.): Can Nature Have Rights? Legal and Political Insights, RCC Perspectives: Transformations in Environment and Society 6 (2017), doi.org / 10.5282 / rcc / 8164 (zuletzt aufgerufen: 15.1.2022)
10 David Read: „The ties that bind“, in: Nature 388 (1998), S. 517 – 518; siehe auch Thorunn Helgason et al.: „Ploughing up the wood-wide web?“, in: Nature 394 (1998), S. 431.
11 http://www.leonelmoura.com / symbiotic-art-manifesto/ (zuletzt aufgerufen: 10.1.2022); Übersetzung der Autorin.
12 Zit. n. Ausst. Kat. Grauzonen, Farbwelten. Kunst und Zeitbilder 1945 – 1955, hg. v. Bernhard Schulz, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1983, S. 192.
JUDITH ELISABETH WEISS Kunsthistorikerin und Ethnologin, 2021 Fellow am Kunsthistorischen Institut Florenz, 2011 – 2020 Forschungsprojekte am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin; Lehraufträge an der Universität der Künste Berlin, langjährige Kuratorin an verschiedenen Museen. Forschungsschwerpunkte: Kunst der Gegenwart, Natur und Kunst vom 16. bis 21. Jahrhundert, Kulturen der Verweigerung, Bild- und Kultur geschichte des Gesichts, Avantgarde und Surrealismus. Letzte Publikationen: Disziplinierung der Pflanzen. Bildvorlagen zwischen Ästhetik und Zweck (2020), Von Pflanzen und Menschen. Leben auf dem grünen Planeten (hg. mit Kathrin Meyer, 2019), Randgänge des Gesichts. Kritische Perspektiven auf Sichtbarkeit und Entzug (mit Mona Körte 2017); Sprache – Ein Lesebuch von A–Z. Perspektiven aus Literatur, Forschung und Gesellschaft (hg. mit Colleen M. Schmitz 2016); Bände für das Kunstforum International: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht (Bd. 216), Kunstverweigerungskunst I + II (Bd. 231, 232), Kunstnatur Naturkunst (Bd. 258).

von Judith Elisabeth Weiss

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