Ausstellungen: Basel · von Stephan Berg · S. 376
Ausstellungen: Basel , 1994

Stephan Berg

Thomas Lehnerer

»Homo pauper«

Museum für Gegenwartskunst, Basel, 8.10. – 5.12.1993

Diesen Blick vergißt man nicht. Wie aus den tiefsten Tiefen der Menschheitsgeschichte kommend begegnet er uns mit einer stummen, beharrlichen Intensität, die zum Innehalten zwingt. Fast scheint es, als seien die tief ausgehöhlten dunklen Augenlöcher ausschließlich für ein Sehen nach innen bestimmt, und doch strahlt eine ebensogroße Kraft von dort auch nach außen ab: als ein Schauen jenseits aller Gewißheiten und jenseits aller Ängste, ein Schauen, das nichts fixiert, nichts will und nichts weiß und eben deshalb für alles Kommende offen ist. Dieser Blick, der sich so kategorial von unserer oberflächlichen Wahrnehmung unterscheidet, gehört zu einem Kopf, den Thomas Lehnerer 1990 aus getrocknetem Fleisch gefertigt hat. Ein kleines, gerade handgroßes, schmales Gesicht, bis auf die Augen und einen schmalen Mundschnitt überhaupt nicht bearbeitet und gerade in dieser krassen Reduzierung der künstlerischen Mittel ein ungemein bewegendes und gültiges Bild für die menschliche Existenz überhaupt. In ihm thematisiert sich seine grundsätzliche Einsamkeit und fleischliche Vergänglichkeit, aber ebenso die Transzendierung des Fleisches in eine höhere geistige Form. Dieser Kopf zeigt die menschliche Ohnmacht und gleichzeitig das Akzeptieren dieser Ohnmacht als Grundbedingung des Lebens. „Homo pauper“ nennt Thomas Lehnerer seine Ausstellung im Basler Museum für Gegenwartskunst, die im schnellebigen Kunstbetrieb mit seinen frei flottierenden Signifikanten so etwas wie eine dringend benötigte Chance zur Konzentration und meditativen Sammlung bietet. Der Mensch, der im Mittelpunkt nicht nur dieser Schau steht, die Zeichnungen, Bronze,- Fleisch- und Fundstückfiguren sowie zwei Vitrineninstallationen umfaßt, erscheint hier in einer existentiellen Form, nicht…

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