Biennalen: Biennale Istanbul , 1996

Marius Babias

Top Kapi Secret

»Interkulturelle Konfliktlinien kreuzen sich, künstlerische Ströme fließen zusammen«

Kontext 4. Istanbul Biennale

Der Orient zeigt dem Okzident die Landzunge. Sie gleitet spitz aus dem aufgewühlten Marmara Meer und breitet sich keilförmig aus. Das Flugzeug dreht eine Schleife, rasiert beim Landeanflug Betonbehausungen, aus deren Fenster schwaches Licht flimmert. Im Flughafen Istanbul kostet die Stange Zigaretten 15 Mark. Die Gäste der Biennale werden am Ausgang erwartet, per Namensschild gesammelt und in kleinen Gruppen oder einzeln ins Hotel gebracht. Bis auf die schmale Autobahnschneise ist das Land mit Wohnblocks, halbfertigen Familienhäusern und Hütten ganz zugewachsen. In der Türkei werden wild errichtete Häuser nachträglich legalisiert, ein Grund, warum der Zustrom der Immigranten aus Anatolien – jährlich bis zu 1 Million Menschen – nicht kontrolliert werden kann. Unerschütterlich, überragend auf Hügeln und Tälern sprießen spargelartige Minarette. Die Luft schmeckt bitter, ein Cocktail aus Smog und feinen Gewürzen. Die Lunge schaltet automatisch auf langsames Atmen. Gegen Erkältung helfen keine Vitamintabletten, aber Ata-Cai und viel Knoblauch. Am Straßenrand liegen ausgeweidete Autos und Busse.

Eine Lichtschlange aus 1001 Nacht-Taxis kriecht durch den Staub der Außenbezirke. Suburbia erstreckt sich bis in die Innenstadt, unterbrochen von den Oasen des Wohlstands in Taksim, wo das 20-stöckige Marmara Hotel, Wahrzeichen des laizistischen Modernismus, die Minarette ringsum spielend überragt. Der Service in dieser komfortablen „Hühnerbatterie“ (Olaf Metzel) ist erstklassig. In der Hotelbar sitzt man bis tief in der Nacht zusammen und tauscht Gehässigkeiten und nach drei Drinks Adressen aus. Der Panoramablick durch die getönten Scheiben verlangt nach einem melancholischen Getränk, Raki. Das Café…

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von Marius Babias

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