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Essay · S. 186 - 190
Essay , 1989

Jürgen Raap
Übergangslösungen

Über den Wandel der Künstlerrolle

„In der letzten Zeit treffen Tausende mittelmäßiger Individuen Entscheidungen ohne irgendwelche Skrupel oder Zögern. Die Entscheidung wurde zu einer banalen und konventionellen Angelegenheit. Was zuerst ein gefährlicher Weg war, ist nun zu einer bequemen Autobahn geworden – mit einer stark verbesserten Sicherheit und Signalanlage. Führer, Notizbücher, Karten, Verkehrsschilder, Kunstzentren, Kunst-Kombinate – dies alles garantiert das perfekte künstlerische Schaffen. Wir sind Zeugen eines MASSENAUFGEBOTS von Künstler-Kommandos, von Straßenkämpfern und Briefträgerartisten…“

Tadeusz Kantor „Das Theater des Todes“Für den karolingischen Buchmaler war das Rollenverständnis noch recht einfach: Er war Illustrator der biblischen Heilsgeschichte. Die Malerzünfte des 15. oder 16. Jahrhunderts waren eine Organisation von Handwerkern und kümmerten sich ansonsten um zwei Dinge: die Aufteilung des Auftragsvolumens unter den einzelnen Mitgliedern der Gilde und Partizipation ihres Standes an der Ausübung politischer Macht in jenen Grenzen, die die Ratsverfassung in den freien Reichsstädten ihnen zugestand. Das heutige Rollenbild vom Künstlerdasein hingegen ist höchst facettenreich: Er ist mal Schamane, mal Entertainer, mal Utopist, aber immer noch Handwerker, mal Rebell, mal Dekorateur. Wandlungen im Rollenverständnis, sowohl im selbstgewählten als auch in jenem, das die Gesellschaft „von außen“ an den Kunstbetrieb herantrug und heranträgt, geschehen nicht „per se“, sondern immer als Anpassungs-Reaktionen und gegenläufiger Entwurf zugleich gegenüber Situationen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs. Solche kunstsoziologisch wirksamen Neubestimmungen geschahen meistens nachträglich gegenüber der gesellschaftlichen Veränderung, allenfalls zeitlich parallel. Ein „Vorausdenken“, ein avantgardistisches Moment also, blieb den Inhalten der jeweiligen Kunstströmung vorbehalten, es waren und sind ästhetisch-philosophische Übergangslösungen ohne direkte Auswirkungen auf die gesellschaftliche…


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