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Ausstellungen: Berlin · S. 345 - 345
Ausstellungen: Berlin , 1991

Marius Babias
Ueli Etter

»Ferien im Jammertal«

Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 8.3. – 24.3.199

Der in dem Zusammenhang von Religionskritik und materialistischer Theorie entwickelte Begriff des „Jammertals“ mußte früher oder später auch die Kunst erreichen. Daß diese um ihrer selbst willen, also ideologiefrei, oder ihrer Inhalte wegen in einer kreatürlicher Notwendigkeit und ausgestattet mit ideellen Projektionsflächen jedweder Art existiert, glaubt niemand mehr, am wenigsten vermutlich der Künstler, der sie herstellt. Kunst heute ist korrupt. Der distributive Bereich hat die moralischen und selbst die ästhetischen Ideale aufgefressen und Künstler, Werke und Betrachter seinem Verdauungstrakt einverleibt. Die Kunst ist das Jammertal der Moderne, Opiat für die kleine Schar der Kenner und zugleich Gift für den großen Rest.

So kategorisch in ihrer Bestandsaufnahme ist die „Ferien im Jammertal“ betitelte Ausstellung von Ueli Etter nicht. Niemand berauscht sich besinnungslos, niemand stirbt ausschließlich durch das visuelle Gift der Installation mit über 300 Neonröhren. Das Auge erträgt die harte Beleuchtung nur für Sekunden und muß sich dann abwenden. Etters Installation ist Kunst über Kunst und ihre kontextuellen Bedingungen, zu welchen neben dem Ausstellungsort vor allem der Betrachter zählt. Das Licht synthetisiert nicht Ewigkeitsvorstellungen, es ist allenfalls ein Randthema, das der prätentiöse Betrachter konstruieren mag. Ebenfalls am Rande ist die Zitierfähigkeit der Neonröhre als Minimal-Skulptur von Belang. Die Dinge können schließlich nichts dafür, daß sie gnadenlos zur Kunst erklärt werden. Die Dinge sind wehrlos angesichts unserer antrainierten Wehrhaftigkeit der Wahrnehmung.

Im Zentrum der Installation steht der Ausstellungsraum, während die Kunst, die sich üblicherweise hier aufhält, sozusagen Ferien macht. Wir werden also mit einem…


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