Titel: Sinnpause , 1985

Askese des Abundanten

Wolfgang Laib

Stille um Wolfgang Laib. 1982, als man von der venezianischen Biennale über Basel („Art“) zur Dokumenta nach Kassel pilgerte, als Laib im Deutschen Pavillon seinen Blütenstaub ausstellte und im Fridericianum – da fehlte es nicht an Bildern und Berichten über den stillen Künstler. Immer noch eine stille Sensation damals, obwohl es bereits sieben Jahre her war, daß der promovierte Mediziner radikal sein ,,Fachgebiet“ gewechselt hatte.

Die Stille ist ein wichtiges Werkzeug für Wolfgang Laib. Im Oberschwäbischen, wo er bei den Eltern lebt, wenn er sich nicht in New York, seinem „Winterwohnsitz“ aufhält, hat er sich eine ehemalige kleine Scheuer zum Ateliergebäude ausgebaut. Ein großer Raum mit Nebenstube. Das Atelier gibt den Blick frei auf das grüne Gehügel rundum, hält den Restlärm der unfernen Bundesstraße ab und die Naturgeräusche draußen. Vogelstimmen, ein laufender Wasserhahn sind noch zu hören. Ansonsten Stille.

Ein Meditationsraum. Nur hier oder in ähnlichen Gehäusen ist der Laibs Arbeiten angemessene Ort. Laib bietet an, einen der beiden Milchsteine, die da als flache Becken stehen, zu füllen, bietet es wiederholt an, obwohl er weiß, daß diese weiten Marmorstücke bekannt sind von der Biennale oder aus Baden-Baden, wo Laib 1981 mit den Annemarie- und Will-Grohmann-Sti-pendiaten ausstellte. Daß er fünf Allerweltstüten aus dem Supermarkt in den besinnlich-stillen Raum nimmt, stört nicht die Handlung, die sakrosankt wirkt und doch selbstverständlich, unprätentiös. Langsam entleert Laib die ‚bricks‘ – ohne „medizinmännische“ Geste, ohne das theatralische Auftreten eines Performance-Künstlers. Er leert langsam, mit Bedacht, weil es notwendig ist, damit nichts überschwappt. Erstaunlich nur, welche…

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von Michael Hübl

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