Titel: Skulptur '85 , 1985

2. Abstraktion – Konstruktion – Projektion

Die Grenzen sind fließend. Die abstrakte, genauer gesagt die aus den konstruktiven Angeboten der ersten Jahrhunderthälfte und den konkret-conceptuellen Entwürfen der Nachkriegszeit entwickelten künstlerischen Stellungnahmen hinterlassen in der gegenwärtigen skulpturalen Auseinandersetzung deutliche Spuren. In weiten Bereichen der gegenwärtigen Skulptur liefert das Formenarsenal der Geometrie die Bausteine. Die Flächensegmente Kreis, Viereck, Dreieck stehen für das intuitive Konstruieren ebenso zur Verfügung wie deren räumliche Entsprechungen. Dabei kann durchaus in Anlehnung an konstruktivistische Utopien der Frühzeit die Gestaltung tatsächlicher Räume und Plätze im modellhaften Charakter der Skulptur als Projektion intendiert sein. Wo dies nicht der Fall ist, wo die Aufmerksamkeit ausschließlich dem autonomen, dem nur sich selbst meinenden räumlich-skulpturalen Gefüge elementarer Gestaltformen verpflichtet ist, können suggestive Energien frei werden, welche in der von Erinnerungen gespeisten Imagination fiktive Modelle wachsen lassen. Sprachlich/begriffliche und bildliche Modelle greifen ineinander. Zieht man die Arbeiten von Klaus Kumrow und Harald Klingelhöller beispielhaft zum Vergleich, so wird der Grad von Annäherung und Differenz anschaulich, ohne daß sich eine Grenze begriffsscharf ausmachen läßt. Komrows Arbeiten sind bis in die Verweigerung von Titeln abstrakte Kompositionen, Konstruktionen aus dem Arsenal der konkreten, Raum besetzenden und Raum definierenden Kunst. Dennoch wirken sie im Reich der Imagination als Fiktionen funktionaler Gegenstände, als Fernrohre, Rednerpulte, Meßinstrumente ohne konkretisierbare Zugehörigkeit zu räumlichen oder zeitlichen Systemen. Demgegenüber versetzt Klingelhöller den Betrachter über die sprachlich-bildhafte Titelgebung und die sinnliche Wahrnehmung in einen gewollt fiktionalen Gegenstandsraum, dessen Anspielungsinstrumentarium sich gewissermaßen im Nachhinein im Gefüge abstrakter Fragmente auflöst, um von dort wieder als Sprach-Gedanken-Bild aufzutauchen….

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