Fotografie · S. 240
Fotografie , 1985

Klaus Honnef

Das Aktfoto

Münchner Stadtmuseum

Sogar dem Kölner Boulevardblatt ‚Expreß‘ verschlug es die Sprache. Eine ansehnliche, junge Frau hatte sich vom Geist der ersten umfassenden Ausstellung zum Thema Aktfotografie im Münchner Stadtmuseum infizieren lassen und angesichts der zahlreichen Aufnahmen nackter Menschen beiderlei Geschlechts selber abgelegt. Der Akt, offenbar vorbereitet und nicht das Ergebnis eines spontanen Einfalls, fand prompt seinen Fotografen, und die Szene des posierenden Modells vor dem Objektiv der klickenden Kamera lichtete ein weiterer Fotograf ab, der, um die Welt über das bewegende Ereignis zu unterrichten, seine Bilder an eine Agentur weiterverkaufte. Eine allgemeine Hektik war die Folge, weder Rundfunk noch die sogenannten Print-Medien vergaßen, der Öffentlichkeit die aufsehenerregende Nachricht in mündlicher, schriftlicher oder bildhafter Form zu unterbreiten. Nicht eine Ansammlung von Goldschätzen oder fremdländischen Exotika brachte eine Museumsausstellung wie gewöhnlich in die Schlagzeilen, sondern eine nackte Frau. Die Kölner Boulevardzeitung ‚Expreß‘ war augenscheinlich darob so verdattert, daß sie im Unterschied zur sonstigen Praxis, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, die 2.000 gezeigten Fotografien – nach Einschätzung der ‚Süddeutschen Zeitung‘ – kurzerhand auf 100 reduzierte. Eine Nackte im Museum – Sand im Getriebe einer reibungslos funktionierenden Zeitungs-Maschinerie, die spätestens auf der dritten Seite jeder Ausgabe mit einem properen, nackten Mädchen, samt schwellenden Brüsten, Umfang nach Maßgabe der jeweiligen Modevorschriften, und harten Brustwarzen selbstverständlich, aufwartet, es sei denn, ein attraktiverer Stoff wie der Untergang einer Barkasse im Hamburger Hafen mit diversen Toten könne die Aufmerksamkeit der Leser stärker fesseln?

Wir wollen den Fall nicht dramatisieren, wiewohl er symptomatische Züge verrät. Doch in…

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