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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 441 - 441
Magazin: Kulturpolitik , 1995

Ingo Arend
Abschied von der Nische?

Grünen-Tagung zur Kulturpolitik in Bonn

Eine Kunst, die nicht die Gesellschaft gestalten kann, in die Herzfragen dieser Gesellschaft, letztendlich in die Kapitalfrage hineinwirken kann, ist keine Kunst.“ Was der grüne Übervater Joseph Beuys in den achtziger Jahren formulierte, würden seine Jünger von heute wohl nicht mehr so ohne weiteres nachbeten.

Von der Ästhetik des Widerstandes war auf dem Kulturpolitischen Ratschlag der grünen Bundestagsfraktion Anfang Juli im Bonner Frauenmuseum nicht mehr viel zu hören. Das „Raus aus der Nische“, das ein knapp hundertköpfiger Modernisierungsflügel grüner Kulturpolitiker in dieser Vorzeigenische anstimmte, dürfte nicht nur starker Tobak für den harten, soziokulturellen Klientelkern der Partei sein. Das Stichwort „Entideologisierung“ spiegelte auch einen generellen linken Bewußtseinswandel. Lernen aus dem Epochenbruch ist angesagt.

Man kann darüber streiten, ob man die Kulturpolitiken von Stalinismus, Nationalsozialismus und der DDR so über einen totalitären Leisten schlagen kann, wie es Helga Trüpel tat, bis vor kurzem Kultursenatorin der gescheiterten rot-grünen Koalition in Bremen. Angesichts dieser Erfahrungen, so ihre These, müsse man sich vom Prinzip Menschheitsverbesserung durch Kulturpolitik verabschieden. Trüpel warnte vor „falschen Idealisierungen“ ebenso wie vor „hartem Zynismus“ und propagierte als Haltung einer grünen Kulturpolitik das „Menschenbild eines aufgeklärten Existentialismus“ gegen „falsche Ideologisierungen“ ebenso wie gegen „postmoderne Beliebigkeiten“ und plädierte für eine „kleine Kulturpolitik“ mit „Skepsis vor zu großen Entwürfen“.

Daß deswegen auch die Kunst gar kein utopischer Ratgeber mehr sein soll, wird man natürlich auch nicht dekretieren können. Doch dieses Verständnis markiert einen gewissen Wandel. 1987, auf der documenta 8, vermisste Antje Vollmer noch Bilder einer positiven Widerstandskultur…


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