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Kommentar · von Ingo Arend · S. 440 - 440
Kommentar , 1995

Ingo Arend
Selbstüberwindung

Verhüllter Reichstag: Eine unverhofft ironische deutsche Selbstwahrnehmung in Christo

Demokratie ist ein Experiment in Wahrnehmung. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, was die Achillesferse der Politik ist, Christos Reichstagsprojekt hat sie geliefert. „Ich schaue ihn mir nicht an“, blieb sich der Kanzler trotzig treu, als er beim großen Verhüllungsspektakel in Berlin den Blick verweigerte und demonstrativ Kaffee auf dem Kudamm trank.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Projektgeschichte von „Wrapped Reichstag“ die Scheu, das gestrandete Bruchstück deutscher Demokratiegeschichte anders wahrzunehmen denn als Tabu. Sie einte zeitweise so unterschiedliche politische Charaktere wie den deutschnationalen Scharfmacher gegen die sozialliberale Entspannungspolitik, Karl Carstens, und den ehemaligen bundesdeutschen Vertreter in der DDR, den linken Intellektuellen, SPD-Politiker Günter Gaus, der in einer öffentlichen Kontroverse 1981 von „Fassadenexperiment“ und „Pseudo-Weltläufigkeit“ sprach.

Daß Wahrnehmungsexperimente ins Auge gehen können, zeigte das Projekt selbst. In seinen fast täglich ausgegebenen Sprachregelungen und der blickformierenden Bildstelle Volz, die inzwischen fast alle existierenden Kataloge samt Touristentrödel drumherum mit den offiziellen Bildern zum Ereignis bestückt, schien ein latenter ästhetischer Zwangscharakter auf. Wo, so möchte man trotz allem Verständnis für die Finanzierungsprobleme von Christo-Enterprises fragen, bleibt eigentlich eine Ausgabe nicht-autorisierter Aufnahmen von Christo-Projekten? Wo bleibt hier der konkurrierende Blick? Und das Bild des silbern umwogten Reichstages, das sich vermutlich tiefer ins deutsche Kollektivgedächtnis gegraben hat, als es der rußige Bau des Nachkriegs je vermochte, fixierte und charmierte einen problematischen Blickwinkel.

Der 1871 von Bismarck gewährte, nicht vom Volk erkämpfte, wilhelminische Scheinparlamentarismus stellte das Bürgertum in einem machtlosen Parlament kalt. Er markiert gerade den…


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