Ausstellungen: Düsseldorf , 2005

Martin Seidel

Antonin Artaud – Ein inszeniertes Leben

museum kunst palast, 16.7. – 16.10.05

Welchen Artaud hätten’s denn gern? Den Regisseur? Den Dichter und Schriftsteller? Artaud, den Bühnentheoretiker und Erfinder des Theaters der Grausamkeiten, der wie kein anderer das Living Theatre und das absurde Theater beeinflusste? Den Film- und Bühnenschauspieler? Den Zeichner?

Am bekanntesten und wichtigsten ist Antonin Artaud (1896-1948) als Verfasser von „Le théâtre et son double“ (‚Das Theater und sein Double‘, 1938). Die Textsammlung gehört zur Pflichtlektüre jedes Literaturstudiums und überhaupt zum Wichtigsten, was je über das moderne Schauspiel gesagt wurde. Abgründige Zivilisationskritik verbindet sich darin mit Ekel vor einer mythen- und traumlosen Kunst zu einem Radikalangriff auf das Theater aristotelischer Prägung. Anarchische Urkräfte werden unter dem Begriff der Grausamkeit („theatre de la cruauté“) beschworen und ein Theater gefordert, das den Graben zwischen Bühne und Zuschauerraum überspielt, das den gewohnten Realitätsbezug aufgibt, das – nach asiatischem Vorbild – den Körper, Bildlichkeit und Bewegung zur Vorherrschaft bringt und mit der Dominanz des Geistes und der unzureichenden Sprache bricht: „Die Sprache zerschlagen, um das Leben zu ergreifen, heißt Theater zu machen…“, lautet die Maxime. Das Theater als vernichtende oder reinigende Kraft wird dabei zur Schicksalsfrage: „Wie die Pest, ist das Theater eine ungeheure Beschwörung von Kräften, die den Geist durch das Beispiel zur Quelle seiner Konflikte zurückführen.“

Artauds Kulturpessimismus war keine intellektuelle Attitüde, sondern gelebte Erkenntnis und gegen unüberwindbare gesellschaftliche Widerstände durchlittener Protest. Es gehört zu Artauds Geschichte, dass seine Stücke den Theorieanspruch nicht einlösen konnten und dem Unverständnis einer unvorbereiteten Öffentlichkeit preisgegeben waren. Seine…

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von Martin Seidel

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