Titel: 51. Biennale Venedig · von Fabian Stech · S. 202
Titel: 51. Biennale Venedig , 2005

Fabian Stech

Pinocchio im Bordell

Ein Gespräch mit Annette Messager

Sigmund Freud führt die Ästhetik des Unheimlichen darauf zurück, dass Altbekanntes und Längstvertrautes uns einen Schrecken einjagt. Annette Messager ist Meisterin dieses Schreckens, der nicht zuletzt häufig die Frage aufwirft, ob ein toter Gegenstand beseelt sei oder nicht. Die Gegenstände mit denen Annette Messager dabei arbeitet und die sie sich aneignet, kommen häufig aus dem häuslichen Umfeld. Schon früh wurde daher auf das ethnografische Interesse ihrer Arbeit hingewiesen 1. Das Wort Appropriation, die Aneignung, der Annette Messager die Gegenstände unterwirft, die sie verwendet, kommt aus dem griechischen oikeí?sis und verweist zuerst auf das Haus und Personen, die im familiären Sinne zu einem gehören. Interessanterweise wurde der Begriff in der Tradition der Stoa vor allem verwendet, um eine Form der Selbstaneignung zu beschreiben, mit der jedes Ich sich gegen die Entäußerung, die Entfremdung schützt. Somit besteht die eigentliche Aneignung gar nicht darin, das zu benutzen, was außerhalb von uns schon in einem anderen Kontext Bestand hatte, sondern darin uns selbst als Person zu konstituieren. In ihrer Kunst geht Annette Messager diesen paradoxen Weg der Aneignung, die Nietzsche so beschrieb: „Werde, der du bist.“ 2

Fabian Stech : Können sie Ihre Installation in Venedig beschreiben ?

Annette Messager : Zwischen den Säulen des neoklassizistischen Pavillons habe ich Vorhänge angebracht, so dass er geschlossen war, gleichzeitig ist es in Italien und auf dem Markusplatz üblich, sich durch Vorhänge vor der Hitze und dem Licht zu schützen. Ich sah meine Nachbarn nicht. Es war, als wäre ich bei mir zu Hause. Ich…

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