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Titel: 51. Biennale Venedig · von Michael Hübl · S. 286 - 289
Titel: 51. Biennale Venedig , 2005

Michael Hübl
Iran

Mandana Moghaddam und Bita Fayyazi Azad

Ein Betonblock, der an vier langen Zöpfen aus dunklem Frauenhaar hängt, ist die zentrale Arbeit in der iranischen Abteilung der Biennale di Venezia. Ihr narrativer Anknüpfungspunkt liegt in der persischen Sagenwelt, ihr semantisches Potenzial rührt an Kernproblemen der ökonomisch globalisierten, ideologisch in ‘gut’ (demokratisch, liberal, protestantisch) und ‘böse’ (antikapitalistisch, islamisch) geteilten Welt. „Chel Gis II“ (2005) nennt Mandana Moghaddam ihre Arbeit. „Chel Gis“ heißt auf deutsch 40 Zöpfe und erzählt von einer jungen Frau, die von einem Schakal gefangen gehalten wird. Das Tier zeigt sich nicht selbst, sondern nur durch seine Macht, die so ungeheuer ist, dass es ihm gelingt, den Menschen den Zugang zu Wasser abzuschneiden. Maghaddams Arbeit lässt sich zunächst als Paraphrase auf diese alte iranische Fabel deuten: das Haar als Zeichen der gefangenen Frau, der Betonblock als Symbol lastender unerschütterlicher Gewalt, wobei das stumpfgraue Material zugleich Assoziationen an Trockenheit und an eine unwirtliche Umgebung weckt. Die Künstlerin, die seit Abschluss ihres Studiums an Konsthögskolan Våland der Universität Göteborg wieder in ihrer Geburtsstadt Teheran lebt, betont in einem Statement den Gender-Aspekt ihrer Installation. Sie sieht in ihr die Darstellung einer über Jahrtausende eingeübte und bis in die Gegenwart fortwirkende Grundstruktur im Geschlechterverhältnis, die der Frau eine untergeordnete Rolle zuweist. Diese dienende Funktion wird von Moghaddam auf besondere Weise ‘aufgehoben’ und damit in einen prekären Zusammenhang gebracht. Es wird nicht der Gegensatz zwischen männlicher Repression und weiblicher Unterordnung herausgestellt, sondern die innere Bindung: Einerseits sind die Zöpfe rundum von Beton umgeben, sind…


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