Titel: 51. Biennale Venedig · von Heinz-Norbert Jocks · S. 214
Titel: 51. Biennale Venedig , 2005

Heinz-Norbert Jocks

Das allwissende Ginkgo-Gold

Ein Gespräch mit Gilbert & George

Gilbert & George sind inzwischen Klassiker und tun doch alles, was verhindert, dass Ihre Bilder zu klassisch wirken. Der Englische Pavillon ist überfüllt mit Bildern, in denen Sie immer noch wie Lebendige Skulpturen auftreten und dabei die Blätter des Ginkgo-Baums als gespiegeltes Bildelement entdecken. Täglich erschienen sie in den ersten Tagen der Biennale in der Öffentlichkeit und ließen sich vor dem Pavillon geduldig von Besuchern befragen, ablichten und bewundern. Mit Heinz-Norbert Jocks, von dem sie sich vor vier Jahren im Pariser Hotel Coste zum „homoerotischen Blick“ befragen ließen, trafen sie sich in aller Ruhe außerhalb des Geländes morgens auf einer Parkbank abseits des globalen Getümmels, um nicht nur über Ihre jüngsten Arbeiten zu reden. Trotz ihres engen Zeitplans wirkten sie dabei, als nähmen sie sich dafür alle Zeit der Welt. Gilbert, 62, der Schusterbub aus Südtirol, und George, 63, aus der tiefsten englischen Provinz, lernten sich 1967 in der damals progressivsten Londoner Kunstakademie, St. Martin’s School of Art kennen. Die Unzertrennlichen in Tweedanzügen, inzwischen in die Jahre gekommen, wollten noch nie in der Kunstgeschichte ankommen, weil es ihnen mehr um eine Aktualität mit Bezug zur Vergangenheit und Zukunft geht.

Ist es Ihnen recht, wenn ich mich zwischen Ihnen setze?

Gilbert: Wir müssen zusammen sitzen, sonst funktioniert das nicht.

Ich muss Ihnen eine vielleicht etwas dumme Frage stellen: In welcher Weise verstehen Sie sich selbst als „Living Sculpture“?

George: Das Leben als „Living Sculpture“ hat sich so ergeben. Es war wirklich nicht unsere Entscheidung. Als wir als ganz junge Künstler das College verließen, da hatten wir gar nichts. Kein Geld. Kein Atelier. Keine Arbeit. So kam es, dass wir uns sagten, wir sind die Kunst. Und das ist alles, was wir besitzen.

Gilbert: „Living Sculpture“ wurde auf einmal das Zentrum unserer Kunst. Es ermöglichte uns, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Normalerweise sind Skulpturen tot. Wir besaßen jedoch die Fähigkeit, sie Mensch werden zu lassen. Das war unsere größte Entdeckung. Inzwischen ist es Usus unter Künstlern, sich selbst als Teil ihres Kunstwerks zu benutzen. Auf gewisse Weise fühlten wir immer, Van Gogh wäre zurückgekehrt. Er hat nichts anderes getan, als sich selbst zu malen. Und auch Rembrand porträtierte sich immer selbst.

Hat sich Ihre Idee eines Lebens als „Living Sculpture“ im Lauf der Jahre verändert?

George: Nur bezüglich des Alters. So wie die Betrachter sich mit den Jahren verändern und älter werden, so werden auch wir, die Künstler immer älter. Und auch unsere Ansichten ändern sich.

Gilbert: Selbst in unseren Arbeiten sterben wir ganz langsam, und das finden wir ungeheuer spannend. Man vergeht einfach.

Gilbert: Und eines Tages wird der angebrochene Tag unser letzter sein. So ist unsere Sicht der Welt.

Kommen wir auf Ihre jüngsten Arbeiten hier zu sprechen: Warum verwenden Sie den Ginkgo-Baum?

George: Wir sind uns nicht sicher, wann wir diese Wahl trafen. Als wir in New York anlässlich einer Bilderausstellung im November waren, da sahen wir im „Gramacy Park“ jeden Tag die vielen Blätter. Sie fielen von den Bäumen und bedeckten die Straßen. Es war Herbst, und so glänzten sie goldgelb. Ohne groß darüber nachzudenken, sammelten wir sie morgens auf, 20 bis 50 Stück. Wir brachten sie ins Hotel und nahmen sie schließlich mit nach London.

Gilbert: Zunächst fiel uns der besondere Geruch auf. Er machte uns neugierig, und wir fragten uns, warum es nach Rauschgiftscheiße roch. Wir fanden schließlich heraus, dass es sich um Ginkgo-Blätter handelte, über die wir damals nichts wussten. Später erfuhren wir, dass es sich um den bekanntesten Baum der Welt handelte. Ein Fossil. Und immer noch lebendig. Er hat nicht nur alles überlebt, sondern war auch der erste Baum, der nach Abwurf der Atombombe auf Hiroshima wieder wuchs. Etwas ganz Außergewöhnliches. Wir befanden uns in seiner Mitte. Selbst in England wurden Fossile von Blättern gefunden, die über 160 Millionen Jahre alt sind.

Was assoziierten Sie mit den Bäumen anfangs?

George: Wir wollten nicht in die Tiefe gehen vor Fertigstellung des Designs der Bilder, sondern uns lediglich auf das Sichtbare konzentrieren. Jede Information hätte sonst Einfluss auf die Bilder genommen. Dann wäre es zu spät gewesen.

Gilbert: „Wir wollen nichts davon wissen!“ So lautet unser zentrales Motto, bevor wir uns ans Design machen. Obwohl ein Assistent uns beim langweiligen Teil der Arbeit hilft. Danach machen wir alles allein. Manchmal schicken wir sogar den Assistenten fort, wenn wir am Design arbeiten.

George: Übrigens erzählte uns so gut wie jeder, mit dem wir uns unterhielten, eine Ginkgo-Story. So auch eine Tante, die in China lebte, oder jemand, der nach Burma ausgewandert ist. Sogar in Deutschland wachsen Ginkgo-Bäume.

Gilbert: Was es nicht alles gibt? Ginkgo-Blätter. Ginkgo-Saft. Er gilt sogar als Gedächtnisbaum. Immer schon haben wir Bäume und Blumen mit Menschen verglichen. Das ist nichts Neues. Wir lieben die ungewöhnliche Farbe, dieses reine Gold.

Was reizt Sie an den Blättern und deren Farbe?

George: Ihr Reichtum. Nun sehen die Ginkgo-Blätter auf unseren Bildern keineswegs wie die realen an den Bäumen oder auf den Straßen aus. Wenn Sie diese vergleichen, so bemerken Sie den Unterschied. Wir nahmen die Bilder dieser Blätter als Extrakt, um sie von hinten mit einer starken Lampe zu beleuchten. All die schwarzen Linien, die auf den Blättern zu sehen sind, sind artifiziell und in Wirklichkeit nicht so, wie sie da erscheinen. Etwas, was wir darüber hinaus nicht herausfanden, sondern realisierten, war, dass der Ginkgo-Baum ein ultimativer Zeuge aller Zeiten ist. Vergleichbar einem Menschen, der in seinem Leben viel erlebt hat und so alt ist, dass er zurückblickend sich an vieles aus der ganzen Welt erinnern kann. Er ist eine reiche Person mit einem großen Wissen. Vor so jemandem haben wir großen Respekt. Und der Ginkgo-Baum existierte bereits vor allen Religionen und, bevor der Mensch die Erde bevölkerte. Das heißt, sie können alles bezeugen: Nicht nur den ersten Menschen, sondern die gesamte Geschichte aller Religionen. Neben den Regierungen der verschiedensten Länder, die kamen und gingen, haben sie auch den Niedergang ganzer Reiche überlebt.

Gilbert: Wir verkehren die Blätter in schizophrene, von denen jedes etwas anderes erzählt. Sie sind nicht mehr real.

George: Es handelt sich um eine Verdopplung. Zwei Blätter in einem. Wir machten vier daraus, indem wir die linke Seite des Blattes ebenso spiegelten wie die rechte, um jeweils ein ganzes Blatt daraus zu gewinnen. Dass auf diese Weise aus jedem einzelnen Blatt zwei geworden sind, gefällt uns auch, weil das Wort „Ginkgo“ mit zwei „G“ geschrieben wird. In dem Namen sind sowohl „Gin“ als auch „Go“ sowie „Ink“ („Tinte“) enthalten. Alles in allem ein magisches Wort!

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Leben und Kunst?

George: Wir fanden immer, Leben und Kunst seien untrennbar miteinander verbunden. Zwischen beidem sollte man keine Trennung vornehmen. Moderne Gedanken, Fortschritte oder Verbesserungen sind Teil des gleichen Vorgangs. Unser Leben schreitet mit der Kunst voran.

George: Wir glauben, dass wir allein auf der Welt sind. Unser einziger künstlerischer Gedanke bezieht sich auf den Tag, den wir täglich neu erfinden müssen. Das ist der Grund, warum wir leben. Künstler sind in erster Linie dazu da, neue Wege zu erschließen, um zu überleben. Deshalb sind wir völlig unreligiös. Dogmen aller Art ändern sich nie. Wir glauben weder an den Papst noch an die Religion. Sie verändern sich nicht, sind zu starr und zudem todlangweilig.

Gründet Ihr Art und Weise, Kunst zu machen, in Ihrer Existenz? Blicken Sie mit Ihrer Kunst auf Ihr Leben?

George: Ich denke, wir sind eher die Kunst für uns. Nicht der Kunst verfallen, arbeiten wir mit der Öffentlichkeit, indem wir mit der Zukunft experimentieren. Wir lieben den Kunstbetrachter.

Gilbert: Wir rufen ihn dazu auf: „Sieh dir dies an und dann das! Das ist unser Leben. Schauen Sie, was wir hier machen? Was halten Sie davon? Wie denken Sie über Liebe? Was empfinden Sie jetzt? Berühren wir Sie damit oder nicht?“ Uns ist es wichtig, den Betrachter zu berühren. Reagiert er darauf oder nicht? Findet er sich in unseren Bildern wieder?

George: Jedes Bild stellt ein Tor zu einer Möglichkeit dar. Ob jemand da hindurchschreitet oder nicht, hängt von jedem Einzelnen ab. Er kann einverstanden sein oder auch nicht. Wir selbst streben ein leichte Veränderung der Zukunft an, deshalb machen wir die Bilder. Die Sicht des Betrachters zu verändern, ist das Ziel von Kultur ebenso wie das Neuerfinden, was ein Individuum ausmacht. Allergisch gegen jede Form von Kollektivismus, glauben wir nur an das vollendete Individuum.

Sie benutzen vorhin das Wort „schizophren“. Warum?

Gilbert: Je länger wir arbeiten, um so mehr finden wir, dass unsere Kunst schizophren ist. Gleichzeitig springen wir zwischen sehr unterschiedlichen Gedanken hin und her, nur darum geht es im Leben. Besonders da, wo wir leben, in England. Wenn man von Schizophrenie reden kann: Da ist sie! Mit all den unterschiedlichen Religionen. Mit all den Künstlern. Mit allem Möglichen aus der ganzen Welt. Jeder denkt anders. Das ist wie in Babylon!

George. Diese Kosmologie des modernen Stadtlebens weist unserer Ansicht nach den Weg in die Zukunft. Die angenehmen Dinge, die dem Verschmelzen der Kulturen entspringen, sind wichtig für die Zukunft. Wir haben eine große Liebe zur Vielfalt in der Welt. Die Verschiedenartigkeit von Ländern oder Menschen existiert nicht mehr. Durch Fernsehen, Reisen, Internet und die Menschen, die von Land zu Land ziehen, hat sich alles vermischt. Und das sorgt für eine wundervolle Zukunft.

Gilbert: Unser Devise lautet: „Verletze Deinen Nachbarn nicht!“

George: Und das schätzen sie.

Gedankensprung: Mein Eindruck ist, dass die Ironie in Ihrer Arbeit zugenommen hat. Wenn Sie sich selbst als Könige darstellen, so ist das nicht ernst, sondern ironisch gemeint, oder?

Gilbert: Nein, wir neigen nicht dazu, uns selbst zu ironisieren. Was sagt man dazu, wenn Ihr Körper ganz anderes ist als, was Sie in sich fühlen. Wenn Sie Ihre Augen schließen, sehen Sie sich nicht wirklich so, wie er ist, sondern in vielerlei Hinsicht völlig anders. Sie finden die Welt schrecklich und sind angesichts ihrer völlig unglücklich. Wir wollen darstellen, was in uns ist, und nicht die Oberfläche.

George: Wenn Sie morgens aufstehen und in den Badezimmerspiegel schauen, so ist das, was Sie da sehen, grundverschieden von dem, wie Sie sich fühlen. Gedanken, Gefühle und Ängste spiegeln sich darin nur sehr selten wider.

Gilbert: Selbst die Selbstmörder erscheinen so normal, dass verborgen bleibt, was in ihnen vorgeht. Das ist, was wir zu zeigen versuchen.

George: Nach einer Katastrophe wie den Mord an zwei Menschen äußern sich die Nachbarn des Mörders in den Nachrichten immer positiv: “Ach, das war so ein so netter wie unauffälliger oder höflicher Mensch!“ Die äußere Erscheinung zeigt keine wahren Gefühle. Deshalb versuchen wir in unseren Bildern das innere, verzerrt erscheinende Ich zu zeigen.

Gilbert: Ja, wir zerstückeln dieses innere Ich, um andere Gefühle auszudrücken.

Wie beginnen Sie mit einer Arbeit?

Gilbert: Wir verfügen über ein großes Kontingent an Bildern. Es sind Hunderttausende, und es werden immer mehr. Von allem, was uns interessiert, nehmen wir für uns Bilder auf. Wir haben so viele, dass wir gar nicht wissen, ob wir sie jemals verwenden werden. Denn manchmal brauchen wir sehr lange, um zu verstehen, warum wir diese Bilder gemacht haben. Erst wenn wir wissen, wie wir sie einsetzen können, beginnen wir mit der Arbeit.

George: Manchmal greifen wir sogar dasselbe Thema noch einmal auf, obwohl wir es noch gar nicht verwendet haben. Um herauszufinden, warum. Jahrelang machten wir Bilder von ausgespuckten Kaugummis auf der Straße, ohne sie zu verwenden. Schließlich machten wir davon noch mehr Aufnahmen. Und eines Tages war klar, wie sehr Kaugummis verabscheut werden. Keiner mag sie, alle sind dagegen, obwohl sie von einem anderen Menschen stammen. Vielleicht war derjenige, der es hinterließ, unglücklich. Vielleicht ist er inzwischen sogar tot. Manche Kaugummis kleben ja schon seit vierzig oder fünfzig Jahren unter einem Tisch. In dem Augenblick stellten wir fest, dass es hier um eine moralische, das Alter betreffende Dimension ging. Und wenn wir erst einmal eine solche erkennen, verwenden wir es auch in unseren Bildern.

Gilbert: Genauso machten wir erotische Bilder von dem Wort „no“. Jeder sagt „nein“. „Nicht dies!“ „Nicht das!“ „Nicht in die Toilette!“ „Nicht dort entlang!“ Wir verwenden das Wort, ohne eine rechte Vorstellung davon zu haben. Jeder möchte einem anderen sagen, wie er sich verhalten soll und warum er etwas nicht darf. So was sammeln wir. Wir verfügen also über einen Themenindex.

Wie stark ist Ihre Beziehung zur Literatur?

Gilbert: Zu Büchern? Ja. Wir haben sehr viele Sammlungen von Büchern. Darunter Designbücher aus dem 19. Jahrhundert. Eine Sexual- sowie eine Kinderbibliothek. Eine Bibliothek zur Geschichte des Christentums. Zudem noch eine Bibliothek zur Philosophie und zur Architektur und auch noch eine Büchersammlung zu Massenmördern wie Stalin oder Mao Tse-Tung. (Lacht)

George: Nur wenig Visuelles.

Spielt Literatur eine Rolle, wenn Sie an Bildern arbeiten?

George: Nicht in dem Augenblick. Wenn wir unsere Bilder machen, sind wir ganz ausgelassen. Wir schließen unsere Augen und verabschieden uns von unseren Blockaden und gehen ganz darin auf.

Gilbert: Eigentlich geht alles bei uns sehr schnell. Wir denken nicht viel darüber nach und wollen uns auch nicht dessen bewusst sein, was wir tun. Auch jetzt nicht. Angesichts unserer Bilder hier in Venedig denken wir jetzt eher: „Was soll das bedeuten?“ Denn wir sahen sie vor vier Tagen eigentlich zum ersten Mal.

George: Bei uns hängen sie nicht im Atelier wie bei traditionellen Künstlern.

Gilbert: Wir haben alles in unserem Kopf. Auch jetzt, da man Computer benutzt. Wir sitzen nicht einmal mehr in einem Atelier.

George: Es ist so, als würden wir unsere Ideen einfach nur ausspucken.

Gilbert: Übrigens haben wir uns noch nie auf Bilder anderer bezogen.

George: Wir gehen weder in Galerien noch in Museen. Wir haben gar nicht die Zeit dazu. Außerdem möchten wir uns nicht von außen beeinflussen lassen. Wenn wir hier in Venedig in jede Ausstellung gingen, würden wir unvermeidbar beeinflusst werden. Weder brauchen die Künstler uns als Betrachter, noch wir sie. Wir unterstützen sie aber gerne. Uns gefällt der Gedanke, dass es immer mehr Künstler gibt.

Gilbert: Wir denken, es sollten noch mehr Menschen Künstler sein. Aber wir wollen uns nicht mit dem beschweren, was sie machen.

Das Allegorische scheint Ihnen wichtig zu sein?

Gilbert: Wir denken darüber nie nach. Aber wir gehen damit um.

George: Mit visuellen Reizen, die wir schaffen, hypnotisieren wir den Betrachter.

Gilbert: Seit kurzem sind wir imstande, den inneren Kreis der Kunstwelt zu verlassen. Wir sind wie Wolken, die davon treiben, und könnten jetzt, befreit von all dem, etwas ganz anderes machen.

Warum ist es wichtig, Kunst außerhalb des Kunstkontextes zu machen.

George: Wir haben schon immer die Treue zur Kunstwelt bekämpft und waren der Ansicht, Künstler sollten fähig sein, eine visuelle Sprache zu benutzen, die nicht 90 Prozent der Welt ausschließt. Wenn ein Schriftsteller eine Geschichte schreibt, so sollte es möglich sein, dass man ihn auch, übersetzt in afrikanische Sprachen, lesen kann. Wir wollen keine Kunst, die nur zu London, Paris und New York spricht.

Gilbert: Das wäre uns zu akademisch.

George: Noch als Studenten fanden wir, dass die Skulpturen unsere Kommilitonen, sobald man sie auf die Straße stellte, keinerlei Bedeutung hatten. Die hatten sie nur innerhalb des College.

Gilbert: Für alle Künstler wird es wirklich schwierig, wenn ihre Arbeit erst einmal die Kirche verlassen hat. Dann sinkt sie in Bedeutungslosigkeit, und niemand will es haben. Deshalb muss man einen besonderen Ort schaffen, damit Kunst gesehen werden kann. Alles muss da auf das Kunstwerk ausgerichtet sein. Sonst ist alles vergebens. Bedeutungslos. Wie Kunst in Banken. Das ist nichts! Alles ist unsichtbar. Und wir versuchen, es sichtbar zu machen. Deswegen verkaufen wir weder an Banken noch an Handelsgesellschaften oder Institutionen, denen Kunst nur zur Imagepflege dient.

Geht es Ihnen darum, eine Kunst zu machen, die jetzt lebendig ist, statt akademisch.

George: Ja, so definieren wir „modern“ . Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Moderne Kunst bedeutet heute, leer von allem anderen zu sein. Das hat aber nichts mit Moderner Kunst in unserem Sinne zu tun.

Welches Verhältnis haben Sie zur Zeit?

George: Die Zeit läuft ab! (Lachen)

Gilbert: Deshalb beschleunigen wir sie noch mehr! Wir laufen noch schneller, als wir es gewöhnlich tun.

Haben sich Ihre Themen mit der Zeit geändert?

George: Ich denke, was den Sinn betrifft, bleiben wir beim Standard. Wir haben stets Bilder gemacht zu Themen wie Tod, Hoffnung.

H.-N.J.: Hat sich mit der Zeit Ihre Denkweise geändert?

Gilbert: Nein, nicht sehr. Vielleicht ist es heute komplexer. Es kümmert uns nicht mehr, wie wir unsere Bilder machen. In der Hinsicht waren wir früher ängstlicher. Wir dachten, sie müssten ins Bild passen. Das ist uns heute egal.

George: Wir haben die Freiheit erlangt, Bilder zu machen, und wissen, dass jeder in der Welt, unabhängig von Religion und Herkunft, die einfache Form eines rechteckigen Bildes versteht. Das ist eine sehr ausdrucksstarke Form. Egal ob es sich um Bilder auf Streichholzschachteln oder auf der Kinoleinwand, in Büchern oder in einer Galerie handelt, es ist eine ausdrucksstarke, auf ewig eingefrorene Form.

Gilbert: Es bewegt sich nicht. Die Bilder sind immer da. Sie faszinieren uns immer noch.

George: Sie sind besser als eine Geschichte, bei der man nie weiß, auf welcher Seite man nachdenken muss. Man kann keine Geschichte auf nur einer Seite erzählen. Diese einzelne eingefrorene Bild ist etwas sehr Ausdrucksstarkes.

Gilbert: Eben eine einfache Form von Propaganda. Es ist deine eigene Propaganda. Kunst ist immer Propaganda. Früher machte man Propaganda mehr für die Kirche als für den Papst. Jetzt machen wir sie für uns selbst, also ganz individuell.

Warum ist es wichtig, Kunst ohne Bewusstsein zu schaffen?

George: Weil wir nur so vorwärtskommen. Würden wir unser Bewusstsein einschalten, wenn wir Kunst machen, kämen wir nicht weiter, weil wir nur wiederholen würden, was ohnehin im Kopf ist! Um etwas Neues hervorzubringen, muss man sich kopfüber hineinstürzen.

Gilbert: Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, was man macht, weicht, was man macht, vielleicht von dem ab, was man zuvor gemacht hat.

Welche Beziehung unterhalten Sie zum Unbewussten?

Gilbert: Besser ist, von etwas Traumähnlichem zu sprechen, oder? Die Freiheit ist viel besser im halbbewussten Zustand.

George: Gestern wurden wir gefragt, ob wir Albträume hätten, während wir unsere Bilder machen. „Nein, wir haben feuchte Träume!“

Verstehen Sie Ihre Arbeit als Traum?

George: Nicht in diesem Sinne.

Gilbert: Es kann zwar sein, aber es kann genauso gut ganz anders sein. Ich sage nur: Schizophrenie. Irgendwann hatten wir diesen Jungen vor der Kirche getroffen, der spuckte. Er sah wie Vierzehn aus, war aber Fünfundzwanzig und schizophren. Er stand dort wie eine Skulptur, die ihre Tage und Nächte im Stehen verbrachte und stehend schlief, unglaublich. Da wir uns mit ihm anfreundeten, kam er zu uns ins Haus, und er sprach auf ganz unterschiedliche Weise zu uns. Es schien, als er wolle uns gleichzeitig töten und küssen. Durch ihn lernten wir eine ganz andere Art zu denken kennen.

George: Die meisten Schizophrenen gehen davon aus, sie seien normal und alle anderen krank. Sie glauben, eines Tages würden alle schizophren sein.

Was ist schizophrenes Denken?

Gilbert: Wir kennen das nur über diesen Jungen, der dann in die geschlossene Anstalt eingewiesen wurde. Wir besuchten ihn dort oft und sangen mit ihm zusammen. Er ist so verrückt wie erfinderisch! Dass jedes seiner Worte so erfrischend innovativ ist, das ist es, was wir an ihm mögen. Überhaupt lieben wir solche Menschen und kennen jetzt noch jemanden, nämlich einen Freund unseres jungen Freundes. Er ist Klebstoffschnüffler und klopft oft bei uns an.

George: Irgendwann kam er und bat uns, weil er Durst hatte, um etwas Wasser. Wir gaben es ihm und drückten ihm manchmal auch etwas Geld in die Hand.

Gilbert: Er schleppte immer eine Fünfliterdose Kleber mit sich.

George: Statt einer kleinen Dose, wie sie Klebstoffschnüffler üblicherweise bei sich haben. Eines Tages stellten wir ihm Gilberts Neffen vor, der bei uns zu Besuch war. Unser kleiner Klebstoffschnüffler fühlt sich manchmal recht einsam, weil er nicht viele Freunde hat. Gilberts Neffe erzählte ihm von seiner Rückkehr aus den Dolomiten, wo er Ferien gemacht hatte. Daraufhin fragte der Klebstoffschnüffler außer, wie das Wetter und die Berge dort seien, auch noch, ob es dort Klebstoffläden gäbe.

Letzte Frage zum abrupten Abschied: Was ist möglich, wenn man schizophren denkt?

Gilbert: Man sieht die Welt nicht nur mit anderen Augen, sondern auch komplexer.

Vielen Dank. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.

George: Warum nicht in London!

Übersetzt aus dem Englischen von Heike Bathge

von Heinz-Norbert Jocks

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