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Titel: 51. Biennale Venedig · von Doris von Drathen · S. 228 - 232
Titel: 51. Biennale Venedig , 2005

Doris von Drathen
REBECCA BELMORE

Ein Gespräch

Der Kanadische Pavillon hat zum ersten Mal eine indianische Künstlerin eingeladen – Rebecca Belmore gehört dem Stamm der Anishinabe an und verteidigt mit ihren politisch engagierten Performances und Videos nicht nur die Rechte der Ureinwohner Amerikas, sondern vor allem das Recht darauf, die der Macht gehorchenden Strukturen der Weltgeschichte aufzubrechen. Die Angst vor dem völligen Verlust von Land, Kultur und Sprache, die Angst davor, nach dem Völkermord nun als Identität gemordet zu werden, ist immer wiederkehrendes Thema in ihrer Arbeit. Bekannt wurde die 1960 geborene Künstlerin mit ihrer Performance Creation or Death: We Will Win (1991). Mit wachsender Hast trägt Belmore ein Häufchen Erde mit bloßen Händen eine Treppe hinauf. Von Stufe zu Stufe verliert sie die Erde, in alptraumartiger Vergeblichkeit versucht sie das zu vermeiden. Die Erde zerrinnt ihr zwischen den Händen, bis zur letzten Stufe bleiben nur wenige Krumen. Die Geschichte des Verlusts, die Belmore erzählt, ist nicht nur gebunden an Enteignung, Völkermord und Rassismus, es ist die lange Geschichte vom Verlust einer Kosmologie, vom Verlust einer Weltsicht, vom Verlust der eigenen Instrumente für eine Welterfassung. Belmores Bildsprache ist plastisch und ergreift den Zuschauer unmittelbar. Wenn sie etwa in der Prärie-Stadt Saskatoon mit Eimern voll flüssigem Gips auftritt und die Leerformen von alten Männerjacken ausfüllt, um auf indianische Abwesenheit aufmerksam zu machen (Indian Factory,2000), oder wenn sie in Vancouver die Bürgersteige wäscht, von denen aus Frauen verschleppt worden waren (Vigil,2002). Immer arbeitet sie direkt am Ort der Geschehnisse, entwickelt ihre Performances aus dem politischen Tatort. In ihrer neuesten Arbeit Fountain (2005) projiziert sie Bilder von der Iona Beach, dem Gebiet, das am längsten im Besitz der First Nation geblieben war, auf einen Wasservorhang, wie sie sagt, auf ´venezianisches Wasser´. Deutlicher als je zuvor schleudert sie in dieser Arbeit dem Zuschauer das Blut der indianischen Geschichte ins Gesicht. Unter all den Künstlern, die auf dieser Biennale Gewalt und Verlust zum Thema machen, scheint Rebecca Belmore eine der ganz wenigen, die es wagt, eine dem Schmerz und dem Drama angemessene Bildsprache zu erfinden, eine Bildsprache, die einen zunächst verstummen lässt.

Doris von Drathen: Wasser, Feuer, Blut – womit beginnen wir? Vielleicht mit der unmöglichsten aller Gleichungen, der Vereinigung von Feuer und Wasser, die auf deiner rauschenden Wasserfall-Leinwand erscheint?

Rebecca Belmore: Wenn das Bild des Feuers auf einer Wasseroberfläche erscheint, dann ist das noch keine Gleichung, nur eine Nähe. Was mich in dieser Arbeit interessiert, ist der Bezug zwischen diesen drei Elementen, die eins wie das andere Lebensessenzen sind. Die Arbeit erscheint sehr einfach, hat aber viele Schichten, denn ich wollte sie weit über meinen Gesichtskreis als indianisch-kanadische Frau und Künstlerin für ein internationales Publikum zugänglich machen. Zwischen den drei Elementen entsteht ein Wechsel, das Wasser kann Feuer werden, das Feuer wird wieder zu Wasser, das Wasser wird zu Blut und dann wieder zu Wasser. Der Film verläuft in einer Endlosschlaufe, so dass ein beständiger Abtausch entsteht. Daneben, dahinter, dazwischen ereignet sich die Handlung als ein untergeordneter, wenn auch den Tausch auslösender Strang.

In welcher Weise ist diese Arbeit verbunden mit deiner indianischen Abstammung?

Ich habe in meinen Installationen, Videos und Performances immer wieder mit dem Element Wasser gearbeitet, Wasser als Material, als Notwendigkeit, Wasser als Lebensnerv. Als ich nach Venedig kam, das in seinem Wunder mitten ins Meer gebaut zu sein, so sehr meinem Lebensort Vancouver mit seiner starken Präsenz des Atlantik ähnelt, war mir klar, dass ich mein Thema wieder aufnehmen würde, allerdings verbunden mit der Küste von Vancouver. Denn dort rollten vor dreihundert Jahren die Wellen europäischer Invasoren auf den Strand. In den Hafen von Venedig dagegen liefen zeitgleich die überfüllten Schiffe der Sklavenhändler ein. Das Machtmonopol des Kolonialismus nahm an diesen Küsten seinen Anfang. So wählte ich als Ort für mein Video den Iona Beach, im Süden von Vancouver. Dort gehen die Abwässer der Stadt in den Ozean, es ist ein schwer belastetes, industrialisiertes Gebiet, in der Nähe des Flughafens. Gleichzeitig ist das der Ort, wo die First Nation ihre Gemeinde haben. Seit Jahrtausenden ist das ihr Lebensgebiet. Für mich ist dieser Ort also zum Symbol geworden dafür, wie sich die Welt für die Ureinwohner Kanadas in einer relativ kurzen Zeit völlig verändert hat. Dieser Hintergrund ist nicht unmittelbar einsehbar für einen fremden Zuschauer, aber daher kommt für mich die Energie dieser Arbeit.

Worin liegt die Verbindung zwischen Vancouver und Venedig?

Wir haben die Performance in Vancouver gedreht, das Material aber dann hier bearbeitet. Das war für mich so, als würde ich meine Bilder vom heimatlichen Atlantik auf das Wasser von Venedig projizieren. In meinen Augen verbinden sich hier zwei Wasserkörper.

Damit gibst du vielleicht ein Schlüsselwort, oder? So wie Wasser ein Körper ist, ist auch Blut ein Körper.

Gewiss, und noch mehr: Wasser ist das Blut der Erde.So ist es auch im europäischen Altertum gesehen worden, als Hermes Trismegistos und später die Renaissance-Künstler die Analogie-Systeme zwischen Erde und menschlichem Körper aufstellten.Allerdings vergleiche ich hier keine Kulturen, sondern gründe auf ganz pragmatische Beobachtungen, wie eben etwa auch, dass der Wasseranteil in unserem Körper sehr hoch ist. Eigentlich sind wir lebende Wasserbehälter.

Wie würdest du den Unterschied zwischen dir als Künstlerin mit indianischer Identität und anderen kanadischen Künstlern benennen? Hast du ein Gefühl von ´Anderssein´?

Das Anderssein entsteht eigentlich eher im Blick der anderen. Meine Identität als indianisch-kanadische Künstlerin ist durch das Bedürfnis des Marktes nach Kategorien und Labeln so genannt worden. Ich selbst habe nie ein ´Anderssein´ zelebriert. Ich habe einfach meine Arbeit gemacht. Allerdings interessieren mich bestimmte Themen, die mit der Geschichte meines Volks zusammenhängen. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, bin völlig eins mit meiner Herkunft, habe weder ein Problem damit, Kanadierin zu sein, noch damit zum verschwindend kleinen Bevölkerungsanteil der Ureinwohner zu gehören. Mein Standort aber, von dem aus ich die Welt anschaue, ist spezifisch geprägt: eben durch ein Bewusstsein von kulturellen, sprachlichen, mythologischen Verlusten. Dieses Bewusstsein gehört zu meinem Leben. Gleichzeitig habe ich mir den Sinn dafür bewahrt, unabhängig von meiner Identität Teil einer allgemeinen Entwicklung zu sein, zu der wir alle gehören.

Welchem Indianerstamm gehörst du an?

Den Anishinabe. Meine Großmutter sprach noch die Sprache, sogar ausschließlich. Ich konnte einiges verstehen. Aber meine Mutter achtete darauf, dass ich ausschließlich mit englisch aufwuchs, weil sie wusste, dass meine Assimilierung die Voraussetzung für meinen Lebensweg in Kanada war.

Wie alt warst du, als du zum ersten Mal den Unterschied entdeckt hast?

Als ich das erste Mal in einen Schulbus stieg. Ich war wohl sechs Jahre alt. Zum ersten Mal war ich damit konfrontiert, dunkelhäutig zu sein, während alle anderen weiß und blond waren. Wir lebten nicht im Reservoir, aber doch in einer ethnischen Gemeinschaft.

Und wer sah den Unterschied , du oder die anderen?

Nein, ich selbst sah das. Es war ganz offensichtlich. Ich dachte, okay, das ist sonderbar, hier ist irgendetwas sehr Merkwürdiges im Gang. Damals begann mein Fragen. Und ich bekam viel Antwort von meinen Eltern, von Freunden. Schon sehr früh bildete sich also mein Geschichtsbewusstsein heraus, und wie und von wem und für wen Geschichte geschrieben wird. Daraus entwickelte sich bald und immer stärker ein Interesse dafür, was deine eigene Wahrheit, deine eigene Geschichte ist. Denn wir mussten uns immer mit einer Geschichte auseinandersetzen, die über uns aber nicht von uns geschrieben worden war. Allein schon, sich in dieser anderen, der Schulwelt zurechtzufinden, die außerhalb unserer Familie, unserer Gemeinschaft lag, bedeutete ein beständiges sich selbst bestimmen, aber auch ein beständiges seine eigene Freiheit zu erkämpfen. Das mag schon der Grund dafür sein, dass ich dann sehr jung anfing, Performances zu machen, die um diese Thematik kreisten. Mit diesem Hintergrund hast du einfach eine andere Wachsamkeit.

Der Umgang mit ethnischer Identität hat sich in den letzten Jahren entscheidend geändert – an die Stelle perfekter Assimilierung früherer Jahre ist eine bewusste Verteidigung der spezifischen Zugehörigkeit geworden. Wovon hängt das ab?

Ich kenne die Gründe der anderen nicht. In Kanada wird von der Regierung ein starker Assimilierungsdruck ausgeübt, der einhergeht mit einem systematischen Auslöschen unserer Vergangenheit, einer systematischen Einschränkung und Verkleinerung unserer Territorien, einer immer stärkeren Negierung unserer Kulturgüter. Bis einfach gar nichts mehr da ist, und wir nackt dastehen. Wir sollen Kanadier sein. Und Punkt. Auf diese Weise ist für mich eine Künstlerrolle der Zeugenschaft entstanden: Mein ganzer Lebenssinn ist darauf ausgerichtet, Arbeiten zu machen, die etwas über unsere Zeit aussagen und sie markieren können. Ich möchte mit meinem eigenen Körper die Erfahrung dieser Zeit, einer Zeit, wo Erinnerung immer fragiler wird, bezeugen. Ich möchte Aufmerksamkeit wachrufen, möchte Bewusstsein herausfordern, möchte für einen Moment wenigstens die bequeme imperialistische Weltsicht derer, die über andere Kulturen hinweggerollt sind, aufrütteln.

Möglicherweise wird heute das persönliche Geschichte-Schreiben, das persönliche Aufstehen, das persönliche Positionsergreifen immer mehr ein tatsächlich politischer Akt, der die ideologisch geprägten Bewegungen der 60er und 70er Jahre ablöst?

Im Laufe meiner Arbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass künstlerische Arbeit sehr wohl politisch etwas bewegen kann, du kannst als Künstler unter den Menschen deiner Gemeinschaft sehr viel bewusst machen und Änderungen herbeiführen. Und von deiner Gemeinschaft aus in weitere Kreise hineinwirken.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Da ging es etwa wieder einmal darum, das Territorium eines Reservats für die Interessen der Regierung zu nutzen. Das Reservat war schon mit Militär umstellt, um Protest niederzuschlagen. Als ich das sah, dachte ich, das ist mein Platz, hier muss ich als Künstler handeln. Ich baute ein riesiges Megaphon aus Holz und Leder, den Materialien von Trommeln. Ich baute das Megaphon in Gebieten der First Nation, im städtischen oder ruralen Umfeld auf und forderte nun die Menschen auf, zum Land, zur Erde zu sprechen, Worte zu finden, um sie anzurufen. So konnte der Protest einen anderen Ausdruck finden, wir bekamen ein großes Echo in der Presse und damit Hilfe.

Lass uns zurückkehren zu deiner neuen Arbeit Fountain (2005), die du hier zeigst. Wenn wir vor dieser Wasserfall-Leinwand stehen, und langsam und immer gespannter verfolgen, wie du im Wasser schwimmend mit etwas nicht Erkennbarem unter dem Wasser kämpfst, versuchst, es in den Eimer, den du durchs Wasser ziehst, einzufangen, schließlich mit höchster Konzentration, auf die Lösung des Rätsels lauernd, beobachten, wie du mit diesem Eimer aus dem Wasser steigst, ihn den Strand hinaufträgst, uns den Zuschauern, entgegenkommst, dann ist es wie immenser Schock, wenn du dann unvermittelt den Eimer hochreißt, und seinen Inhalt, nichts als Blut, uns unmittelbar ins Gesicht schleuderst, sozusagen hinter den fließenden Bildschirm schüttest, so dass sich der Wasservorhang über und über rot färbt, die Augen des Zuschauers mit Rot füllen, du selbst durch dieses fließende Blut den Zuschauer anblickst, bis ganz langsam das Wasser immer mehr das Blut wegwäscht und damit auch dein Portrait verschwindet. Genau das wolltest du, dem Besucher dieses Blut entgegenschleudern?

Ja. Das wollte ich. Es ist das erste Mal, dass ich eine Performance nur vor der Kamera gemacht habe. Ich wollte, dass der Betrachter ein physisches Erlebnis erfährt. Zwischen uns ist dieses Blut. Das wollte ich zeigen.

Das Blut als Schranke?

Ja – im ersten Schock. Aber dann verwandelt sich das Blut in Wasser. Es stimmt, dass in dem Schock eine Art von Gewalt frei wird. Es ist keine Aggression. Nur die Energie dieser Gewalt. Ich denke, es braucht diese Kraft, wenn man wirklich etwas bewegen will.

Siehst du das Blut als Barriere?

Das Stück ist eigentlich gerade erst abgeschlossen, ich brauch immer etwas Zeit, um zu verstehen, was ich selbst gemacht habe. Ich denke, dass die Geschichte selbst, aus wir überlebt haben, ungleich viel mehr brutal ist, als mein Bild. In gewisser Weise bringe ich den Brunnen der Geschichte zurück, dahin, woher er kommt. Es ist als würde ich die Geschichte zurückschleudern. Danach können wir uns wieder in die Augen schauen . Um diese Zukunft aber geht es mir – das Wasser in meinem Film macht etwas sichtbar und wäscht es gleichzeitig, löst es auf.

So dass nicht das Blut die Barriere ist, sondern die Geschichte, die es trägt?

Gewiss. Niemand ist anders, und jeder ist anders. Was in meinem Film bleibt, ist das Wasser, das wir alle zum Leben brauchen. Was bleibt ist, das: Wasser und Licht.

von Doris von Drathen

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