Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte · von Marius Babias · S. 476
Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte , 1993

Marius Babias

Das Schlachthaus deutscher Geschichte künstlerisch läutern?

Projekt »Wrapped Reichstag« von Christo

Man stelle sich vor: Ein silbriges Gewebe umhüllt vollständig den Bau, wirft scharfe Falten und Schatten. Ein überdimensionaler, primitiv zusammengeschnürter Verhüterli. Inhalt: der Reichstag. Handelte es sich nicht um das alte, nun wieder aufgewärmte Kunstprojekt „Wrapped Reichstag“ von Christo, man könnte das glänzende Gewand glatt für den Werbegag eines Präservativherstellers halten.

Christo, unermüdlicher Agent in eigenen Diensten, war im Januar anläßlich einer Ausstellung der Reichstags-Modelle im Marstall, Akademie der Künste Ost, nach Berlin gekommen, um die Werbetrommel zu rühren für sein Lieblingsprojekt. „Die Menschen blicken auf die fremde Außenhaut, und diese Verfremdung schärft ihren Sinn für die historische Situation“, behauptete Christo im „Spiegel“. Die „Zeit“, in deren Redaktionsräumen die Initiative für die Verhüllung einst gegründet worden war, und der Berliner „Tagesspiegel“ machten ebenfalls Stimmung für den Projekt-Evergreen. Endlich könnte der Weltöffentlichkeit bewiesen werden, wie souverän die Deutschen mit ihrer Geschichte und wie generös sie mit der Kunst umgehen. Die Verhüllung des Reichstags würde zudem keinen Pfennig kosten; der Künstler, wie stets, finanziere seine Projekte selbst.

So schien die Chance für eine zweiwöchige Realisierung im Spätsommer ’93 – knapp vor dem geplanten Umbau des Reichstags zum Bundestag – nicht schlecht zu sein, zumal Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth („Ich bin dafür.“) und Berlins Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer für Christos Kunst-Striptease votierten.

Daß man dem nackten Parlament die Hüllen anziehen wollte, statt sie fallen zu lassen, mißfiel CDU-Fraktions-chef Schäuble und Bundeskanzler Kohl. Sie sprachen sich gegen das Riesenkondom aus, wenn auch aus dem falschen Grund. Seit 1971 war…

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