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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 414 - 415
Magazin: Kulturpolitik , 1994

Erlösung

Zur Christo-Entscheidung im Bundestag von Ingo Arend

In dubio pro arte. Das wird sich die Mehrheit des Deutschen Bundestages wohl schließlich gesagt haben, als sie dem Stoffunternehmer Christo Javacheff die Erlaubnis erteilte, den Reichstag zu verhüllen. Das Bonner Signal war ebenso überfällig wie unerwartet mutig. Doch warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis es dazu kommen konnte?

Die Furcht vor dem alter ego. Vielleicht hat ja diese Angst in dem Areal politischer Isolationshaft im Bonner Tulpenfeld Christos Projekt des verhüllten Reichstages wieder und wieder hinausgezögert. In den Aktionen des Verhüllungskünstlers frappiert die Kunst als die bessere Politik. Christo initiiert nicht nur mit einer ästhetischen Vision öffentliche Diskurse und soziale Strategien, um die ihn manch kampagnenunfähige Partei im Superwahljahr 1994 beneiden kann.

Christos Aktionen sind ein mustergültiges, gesellschaftliches „work in progress“. Die zehn Jahre, die er und seine Frau Jeanne-Claude sich mit dem Pariser Brücken-Projekt, die zwanzig Jahre, die er die Reichstag-Aktion in zahllosen Versammlungen unbeirrt durch einen Dschungel von Bürokratie, Öffentlichkeit und narzistischer Politik kämpfte, sind mehr als eine Ehrenrettung des verrufenen Bonner Lobbyismus. Getragen werden sie von einer fast gefährlich romantischen Kraft zur Vision. Im Bonner Kunstmuseum konnte man kürzlich Christos Handwerkszeuge der Utopie besichtigen. Die Stahltrosse und Stoffbahnen der Pont-Neuf-Verhüllung von 1985 scheinen zu sagen: Das Vorgestellte, das scheinbar Unmögliche ist – um es mit einer beliebten Bonner Verhinderungsvokabel auszudrücken – mach-bar. Demokratie durch Ästhetik: In dem Bild jenes Liebespärchens, das sich in die goldgelb glänzenden Stoffbahnen in einer Nische der Pariser Brücke schmiegt, meint etwas davon zu spüren, was…

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