Titel: 50. Biennale Venedig , 2003

ESTLAND: John Smith (Marko Mäetamm und Kaido Ole)
Als kurz vor Beginn des jüngsten Irak-Kriegs einige Länder Europas ostentativ ihre Solidarität mit den USA bekundeten, rückte das Verhältnis zwischen Peripherie und Zentrum wieder ins Blickfeld. Die Globalisierung der Wirtschaftsströme und die Ausdehnung der Kommunikation über die elektronischen Datennetze mochten glauben machen, die geographische und geopolitische Position eines Ortes sei sekundär geworden – so als habe zwischen den Nationen ein fortschreitender Egalisierungsprozess eingesetzt. Indem nun insbesondere einige Staaten Osteuropas zu verstehen gaben, dass sie sich lieber an die hochgerüstete Schulter von Onkel Sam lehnen, als stillschweigend den Vorgaben der großen europäischen Brüder zu folgen, machten sie auf das Fortwirken tradierter Differenzen aufmerksam. Diese betreffen auch die kulturelle Wahrnehmung, wie gerade an der Biennale von Venedig zu erkennen ist. Trotz etlicher Konkurrenzunternehmen nimmt sie immer noch eine Sonderstellung ein, trotz einer vertieften Sensibilisierung in Sachen ethnische und kulturelle Vielfalt bleibt das aus den Tagen des Imperialismus überlieferte Mapping der Giardini, des zentralen Areals der Biennale, in wesentlichen Punkten unangetastet: leicht erhöht der Pavillon Großbritanniens, flankiert von Deutschland und Frankreich. Dass die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrem Gebäude etwas abseits liegen, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sie zu Zeiten der Biennale-Gründung noch nicht als Großmacht etabliert waren.

Marko Mäetamm und Kaido Ole kommen beide aus Estland, dessen „Pavillon“ sich nicht in den Giardini, sondern im ersten Stock des Palazzo Malipiero befindet. Die beiden Künstler wissen wohl nur zu gut, was „Randlage“ bedeutet: Als sie ihre Studien an der Estnischen Kunstakademie Tallinn aufnahmen1,…

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von Michael Hübl

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