Titel: 50. Biennale Venedig , 2003

NIEDERLANDE: Carlos Amorales, Alicia Framis, Meschac Gaba, Jeanne van Heeswijk, Erik van Lieshout
Jeanne van Heeswijk wirft ein langes Messer in die schwarze feuchte und feste Erde. Zack. Auf dieser Höhe darf sie eine Linie ziehen. Einen Claim abstecken, nennt man das wohl in der Siedlersprache. Jetzt ist die Mitspielerin oder der Mitspieler dran. Zack. Und schon ist das Territorium neu definiert. Bloß aufpassen, dass der jeweils andere seine Würfe nicht zu clever setzt, denn dann bleibt einem plötzlich nur ein Zwickel Land und man ist verloren. „Draw A Line“ nennt Jeanne van Heeswijk ihre Arbeit, von der man sagen könnte, sie sei ‚typisch niederländisch‘. Die Notwendigkeit, sich auf engem Raum behaupten zu müssen, gehört in dem kleinen Königreich zu den Konstanten historischer Erfahrung: Von der Küste her drohte das Meer, von der Landseite der räuberische Appetit der Nachbarn – die Habsburger der frühen Neuzeit, die Franzosen unter napoleonischer Führung, die Deutschen in Wehrmachtsuniform. Die andere Seite der Geschichte zeigt einen Staat, der im 17. Jahrhundert die führende See- und Handelsmacht Europas war und der in den Antillen noch letzte Reste seines einstigen Global Networks aus weltweit positionierten Kolonien bewahrt. Heute ist er ein Einwanderungsland mit merklichen bevölkerungspolitischen Problemen und massivem Rechtsruck. Erik van Lieshout, der ebenfalls für die Niederlande in Venedig dabei ist, reflektiert die ethnisch gemischten, multikulturellen Verhältnisse und ihre Friktionen in seiner Videoinstallation „Respect“ (2003), die mit Aufnahmen aus Rotterdam-Zuid das knallige, coole, vulgäre, aufgetunte, ruppige und dabei selbstbewusste Milieu dieses Stadtteils und damit einer…

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von Michael Hübl

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