Titel: 50. Biennale Venedig · von Michael Hübl · S. 223
Titel: 50. Biennale Venedig , 2003

SCHWEIZ: Emmanuelle Antille: Es sind zunächst unscheinbare, dann extrem suggestive Bilder und Sequenzen, die Emmanuelle Antille in ihrem Film „Angels Camp“ wachruft. Sie dokumentieren wenig spektakuläre Sachverhalte: Eine junge blonde Frau tritt im weißen Abendkleid vor einen purpurviolett glitzernden Bühnenvorhang, ein Mädchen schleicht sich durch dichtes Schilf an eine Gruppe Schlafender heran, sie nehmen sie auf, spielen mit ihr. Alles harmlos? Die junge Frau singt „Angels wait to take me home“, und man wird erfahren, dass es ein letztes, ein kaltes allerletztes Zuhause ist, dass da besungen wird. Und die fünf Personen, die wohl eine Nacht im Freien, um Ufer eines Sees, verbracht haben, benehmen sich allemal merkwürdig gegenüber der Sechs-, Sieben-, Achtjährigen (?), die zu ihnen kommt. Einer der Männer beginnt, wie ein Hund zu bellen, ein allgemeines Gekläffe setzt ein, und es ist nicht nur Spiel, sondern vibriert vor Gefahr und Bedrohung. An einer entscheidenden Stelle des Films wird dann aus dem Spiel Gewalt, ist zu sehen, wie eine alberne, ausgelassene Stimmung in blanke, blinde, blöde Brutalität umschlägt: Jemand entdeckt einen toten Tintenfisch am Strand, man fängt an, Quatsch zu machen, traktiert das Tier, drischt auf es ein, steigert sich mehr und mehr in quasi orgiastische Trance. Die destruktiven Impulse verselbstständigen sich wie bei Kleists Penthesilea, die mit ihren Hunden wetteifernd dem blutenden Achilles die Brust zerfleischt, nur, dass hier nicht Liebe die zerstörerische Energie liefert, sondern bloßer Exzess: „And Angels Camp is our cry/ The place where we buried our dreams/ Our soiled virginity/ And all the…

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