Titel: 50. Biennale Venedig , 2003

DÄNEMARK: Olafur Eliasson Diese Empfindungen resultieren aus unterschiedlichen Situationen, in denen Eliasson die gewohnten Wahrnehmungsmechanismen stört oder partiell außer Kraft setzt. Zu solchen Situationen gehört die enge Dunkelheit niederer Räume, bedeckt mit dunkelgrauen Elementen, die an Basaltformationen erinnern und die durch ihre dichte, lapidare Körperlichkeit bei entsprechender subjektiver Befindlichkeit klaustrophobe Gefühle auslösen. Das Geräusch fließenden Wassers, dessen Ursprung sich nicht orten lässt, kann ebenso zum destabilisierenden Moment werden wie eine verspiegelte und schier unendlich facettierte Wabenstruktur oder Licht, dem eine Frequenz seines Spektrums entzogen ist, so dass jedes Härchen, jede Pore, jede Einzelheit einer Physiognomie in hyperrealistischer Deutlichkeit zum Vorschein kommt.

Eliasson stellt gezielt Orientierungslosigkeit her, allerdings nicht im Sinne eines kurzzeitigen Thrills oder Nervenkitzels, sondern als Rahmenbedingung, die essentielle Erfahrung ermöglicht und auf diese Weise die Bedeutung der Kunst als Erkenntnisinstrument und Konstituente von Wirklichkeit hervorhebt. Dahinter steht der Anspruch, „dass Kunst eine Funktion hat, und dass die Fragen, die Kunst aufwirft, nicht nur legitim, sondern auch relevant sind für die Fähigkeit einer Gesellschaft sich selbst zu evaluieren“1. Desorientierung dient Eliasson als ein Medium, das den Zugang zu einer weitgehend unverstellten sinnlichen Wahrnehmung eröffnet: nur schauen, nur hören, nur Raum spüren. Eliasson entzieht den kulturell vermittelten Konstruktionen des Sich-Zurechtfindens-in-der-Welt gleichsam den Boden und schafft damit die Voraussetzung, sich über Patterns und Prozesse klar zu werden, mit deren Hilfe die Realität in ein – wenigstens dem Anschein nach – stringentes Ordnungssystem gebracht wird. Dabei geht es nicht unbedingt darum, die Faktoren, die zu dieser Sinn-Findung oder Sinn-Erfindung führen, im einzelnen…

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von Michael Hübl

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