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Ausstellungen: Herford · von Michael Stoeber · S. 274 - 276
Ausstellungen: Herford , 2014

Michael Stoeber
Iwan Baan

»52 Wochen, 52 Städte«
Marta Herford, 8.12.2013 – 30.3.2014

52 Wochen war Iwan Bann nahezu pausenlos unterwegs. Er besuchte in der Zeit 52 Städte auf vier Kontinenten und fotografierte in eigenem und fremdem Auftrag Architektur. Der niederländische Fotokünstler hat sich einen Namen als Erneuerer der Architekturfotografie gemacht, wobei er selbst sich als solcher gar nicht versteht. So wie er es sieht, ist er eher an Menschen als an Architektur interessiert. Aber gerade dieser Aspekt macht seine Bilder für viele der renommiertesten Architekten unserer Zeit attraktiv, u. a. für Rem Kohlhaas, Herzog & de Meuron, SANAA und Zaha Hadid. Baan fotografiert ihre spektakulären Bauwerke nicht in auratisierender Manier, sondern im sozialen und städtebaulichen Zusammenhang. Seine Bilder stellen Architektur nicht auf den Sockel, sondern zeigen, wie sie in der gebauten Nachbarschaft wirkt. Dafür mietet er auch schon mal einen Hubschrauber, um ein Gebäude aus der Luft zu fotografieren. So das von Steven Holl entworfene Sportzentrum der Columbia Universität in New York, das sich wie ein leuchtender Juwel in die nächtliche Stadtlandschaft einfügt. Oder die vom japanischen Architekturbüro SANAA konzipierte Louvre-Zweigstelle im nordfranzösischen Lens, die sich wie eine, in jungfräuliches Weiß gekleidete Fata morgana in der dunkeln Bergbaustadt ausbreitet. Vor allem aber ist er neugierig zu sehen, wie Menschen in Besitz nehmen, was Architekten für sie bauen. Das hat auch schon vergangene Werkserien von Baan bestimmt. Zum Beispiel, seine Bilder der von Le Corbusier entworfenen indischen Stadt Chandigarh. Sie zeigen, wie 50 Jahre nach ihrer Fertigstellung die Menschen dort leben und arbeiten, ohne sich dabei groß um die puristischen Vorstellungen des Architekten zu kümmern. Ganz ähnlich vollzieht sich die soziale Nutzung in Oscar Niemeyers Brasilia, ein weiteres Projekt, das Baan dokumentiert hat. Oder in Carracas, Venezuela, wo in Folge der Pleite des Investors ein 45-stöckigen Büroturm nicht zu Ende gebaut wurde. Baan hat fotografiert, wie die Menschen die Bauruine in Besitz genommen und mit einfachsten Mitteln ingeniös für ihre Zwecke eingerichtet haben. Für seine Bilder des Torre David, die weniger dessen Architektur zeigen, als dass sie von den Bewohnern erzählen, gewann er zusammen mit den Erbauern von Urban Think Tank auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig den Goldenen Löwen.

Das Zusammenspiel von faszinierender Architektur und sozialer Nutzung bestimmt auch Baans Architekturbilder von „52 Weeks, 52 Cities“. Das Museum Marta in Herford zeigt sie in einer sehenswerten, von Michael Kröger kuratierten Ausstellung. Woche für Woche zieht sie mehr Besucher an, sodass ihre Laufzeit bis zum 01.03.2014 verlängert wurde. Die Bauten, denen Baan in diesen Werken hinterher reist, stammen nicht nur aus der Hand berühmter Architekten. Sie verdanken sich ebenso sehr kultureller Tradition oder dem kollektiven Gestaltungswillen ihrer Bewohner, wie es zum Teil ja auch beim Torre David der Fall ist. Baan eröffnet den Reigen seiner 52 eindrucksvollen Fotografien mit der Aufnahme des prächtigen Innenhofs eines Dorfhauses in der chinesischen Provinz Anhui. Zu Gast bei einem Arzt, ist der Fotograf verblüfft von der Bauweise des Hauses, die für die Architektur des Dorfes typisch ist. Sie zeichnet sich durch den starken Gegensatz von Innen und Außen aus. Während das Haus nach Außen hin geschlossen und abweisend wirkt, ist es im Inneren hell und luftig. Licht und Sonne strömen herein und erlauben den Anbau von Pflanzen und Gemüse. Im ägyptischen Kairo ist Baan fasziniert von dem Stadtviertel der Zabaleen. Die Menschen, die dort leben, können sich nicht ausbreiten. Daher baut jede neue Generation ein weiteres Geschoss auf ein schon vorhandenes Haus. Zudem arbeiten sie als Abfallsammler. Daher ist jeder Quadratzentimeter in diesem Viertel ausgenutzt. Und doch wird das scheinbare Chaos der Fülle durch ein Staunen machendes Ordnungssystem reguliert. Makoko, eine Siedlung nahe dem nigerianischen Lagos, interessiert ihn, weil sie sich auf das Meer hinaus ausgedehnt hat. Ihre Bewohner errichten ihre Hütten und Unterkünfte auf schwimmenden Pontons. Baan kam nach Makoko, um eine Schule auf dem Wasser zu fotografieren. Ist der Unterricht vorbei, wird sie als kommunaler Versammlungsplatz genutzt. Erfindungsreich haben auch die Menschen in der westchinesischen Provinz Henan ihre Wohnprobleme gelöst. Weil sie zu arm sind, um Häuser auf der Erde errichten zu können, sind sie unter Tage gegangen. Da der Boden weich und porös ist, ist das ohne weiteres möglich. So haben sie ein beeindruckendes Höhlendorf errichtet, in dem sich ihr soziales Leben abspielt.

Wie genau Iwan Baan hinzuschauen weiß, wird nicht nur in seinen Fotografien, sondern auch in den erklärenden Texten deutlich, die seine Bilder begleiten. Wenn der Fotograf in ihnen die sachliche Ebene der Information verlässt und Metaphern für das findet, was er sieht und ihn beeindruckt, sind sie nicht selten von poetischer Präzision. So wenn er in das Innere der von Zaha Hadid entworfenen Wiener Wirtschaftsuniversität schaut und das Gebäude mit einer über den Ozean gleitenden Yacht vergleicht. Genau diesen Eindruck vermittelt dann auch das Bild, das Baan von ihr aufgenommen hat. Oder wenn er beobachtet, wie ein von Herzog & de Meuron gebautes Treppenhaus sich wie eine gewaltige, bandartige Skulptur durch ein Forschungszentrum windet, und seine Aufnahme einmal mehr exakt dieses sprachliche Bild als fotografiertes vor unsere Augen stellt. Baan ist, gemessen an der traditionellen Architekturfotografie, ein Revolutionär und Bilderstürmer. Auch wenn er sich wie in den vorgenannten beiden Beispielen auf die reine Architektur beschränkt, kultiviert er dabei einen subjektiven Blick. Die objektive Vereinnahmung des gebauten Gegenstandes, immer das gleiche Licht, immer dieselbe Perspektive, lakonisches Schwarzweiß, wie es Bernd und Hilla Becher pflegten, ist seine Sache nicht. Wenn es regnet in seinen Bildern, dann regnet es eben. Die Umstände, welche auch immer, tragen dazu bei, das Motiv in ein neues Licht zu tauchen. Solchen Umständen verdankt Baan eines seiner am Stärksten fesselnden Fotos, mit dem er es bis auf die Titelseite der New York Times geschafft hat. Am 29. Oktober 2012 – der Künstler war gerade in New York gelandet, um die Eröffnung des von Herzog & de Meuron gebauten Parrish Art Museum zu fotografieren – suchte Sandy, einer der schlimmsten Wirbelstürme aller Zeiten, die Ostküste der USA und New York heim. Er verursachte Schäden in Milliardenhöhe. In Lower Manhattan gingen die Lichter aus, weil die Elektrizitätsversorgung unterbrochen war. Iwan Baan mietete einen Helikopter, stieg in die Luft und fotografierte die Stadt von oben. Man erkennt darauf deutlich, wo New York im Dunkel liegt und wo seine Lichtzonen wieder beginnen. Mit dem Bild ist dem geistesgegenwärtigen jungen Fotografen nicht nur ein außerordentliches Dokument einer historischen All time Katastrophe gelungen, sondern auch ein Bild von hoher metaphorischer Substanz.

Katalog Iwan Baan, „52 Weeks, 52 Cities“, 136 S., 60 Farbabbildungen, Text von Jörg Häntzschel, Kehrer Verlag, Heidelberg, 29,50 Euro