Ausstellungen: Baden-Baden · S. 264
Ausstellungen: Baden-Baden , 1989

Sigrid Feeser

Michelangelo Pistoletto

Staatliche Kunsthalle, 8.10.1989-8.1.1989

Eine Flucht von drei hintereinander-liegenden Räumen in der Kunsthalle Baden-Baden, meist genutzt als Grafisches Kabinett, für Dokumentationen oder für die Vorgeschichten der großen Inszenierungen im Hauptgeschoß darüber. Diesmal finden wir das Terrain schon besetzt. Im Türrahmen zum letzten Raum die Rückenfigur eines Mannes; ein Nachdenklicher, so scheint es, hat dort Platz bezogen – und plötzlich sind wir selbst die Akteure und mitten drin im Bild.

Der Mann ist kein Mann, sondern ein Foto auf einer spiegelnden Edelstahlfläche, wir selbst sind ausgesperrt und doch nicht ausgesperrt. Gleich einer Fata Morgana liegt der Raum, den wir zu betreten hofften, hinter uns. Eintreten oder sich entfernen gelten jetzt gleich. Was tun? Ganz einfach, sagt Michelangelo Pistoletto: „Man muß sich nur umdrehen und in diese Richtung weitergehen. Indem wir uns vom Spiegel entfernen, sehen wir uns in den Spiegel eintreten; somit führt der Weg im Spiegel fort ohne Hindernisse und Schranken, während man sich in das Leben hineinwagt.“

Das Leben, die Unendlichkeit und das Wagnis, was für eine schöne Fiktion! Die von Pistoletto selbst eingerichtete Baden-Badener Ausstellung will von nichts anderem berichten – und ist doch klug genug, die eigenen Absichten auch gleich wieder kühn durchzustreichen. Eine Treppe hoch, in den großen Oberlichtsaal, und schon feiert die Anonymität ihre Triumphe. Drei Bilder nur, oder vielleicht Nicht-Bilder, leere, bräunlichgrobe Leinwände mit eingefügten Rechtecken in schmutzig-dunklem Grau, alle für Baden-Baden geschaffen, beherrschen den Raum. Ihre Ausmaße sind von jener Monumentalität, die zu dröhnen pflegt, aber nichts davon; die Leere, die sich um diese Nicht-Malerei…

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