Zeichnen zur Zeit · von Reinhard Ermen · S. 184
Zeichnen zur Zeit , 2016

Monika Grzymala

Diese Arbeit sprengt eingeübte Vorstellungen und ist trotz ihrer medialen Sprengkraft doch sofort als Zeichnung zu erkennen, denn Monika Grzymala arbeitet mit der Linie. Die bewegt sich bei ihr in Form von Klebebändern in den Raum, sie ist integraler Bestandteil ihrer handgeschöpften Washi-Papiere und manchmal existiert sie sogar noch als klassisch überliefertes Notat Schwarz auf Weiß, zum Beispiel in den Skizzenbüchern. „Linealogy“ nennt Catherine de Zegher diesen Umgang mit der conditio sine qua non von Zeichnung schlechthin und Petra Kipphoff beschreibt den dabei jeweils mitlaufenden Grenzgang als „Unabhängigkeitserklärung der Linie“. Vielleicht könnte man auch von einer linearen Selbstreferentialität sprechen, die sich wuchernd und angemessen in den entsprechenden Schauplätzen gleichsam installiert. Angemessenheit meint dabei ein Sich Einfinden, das Räume partiell auf den Kopf stellt, indem dort dreidimensionale Zeichen entstehen, die nur hier möglich sind. Wuchernd ist vielleicht etwas zu allgemein, doch wie ließe sich so eine emotionale Wucht beschreiben, die gelegentlich ganze Zimmerfluchten überschreibt und damit geradezu neu definiert, etwa als Urwald oder konstruktive Grotte, um es etwas salopp zu sagen. Wenn Grzymala das Klebeband von der Rolle zieht, scheinen die Zeichnungen geradezu aus der Wand zu wachen, wie mit Wurzeln krallen sie sich fest, suchen Pfeiler und Säulen als Verbündete im Raum auf, bilden Netze und spielen dabei mit der Opazität der verwendeten Materialien. Großformate sind das, deren assoziatives Potential groß ist. Im Zweifelsfalle geht es aber um Abstraktion, die Marschrichtung diktiert der kreative Augenblick, was einen skizzenhaften Charakter mit einschließt. „Im Film würde man diese Vorgehensweise als One-shot-Aufnahme…

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