Ausstellungen: Berlin · von Matthias Reichelt · S. 208
Ausstellungen: Berlin , 2016

Matthias Reichelt

Julian Rosefeldt

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, 10.2.–10.7.2016

Kritik an Gegenwart und Vergangenheit, Bruch mit beidem und Proklamation radikaler Veränderungen für die Zukunft, so könnte die allgemeine Konstruktion von Manifesten beschrieben werden. Julian Rosefeldt hat sich in einer sehr aufwendigen und 13-Kanal-Videoinstallation mit Künstlermanifesten auseinandergesetzt. In zwölf dieser Filme verkörpert die extrem wandlungsfähige und experimentierfreudige Hollywood-Schauspielerin Cate Blanchett die jeweilige Hauptrolle, in einer Geschichte spielt sie sogar beide zentralen Figuren. Julian Rosefeldt interessierte sich nicht für die theatralischen Situationen, in denen die Manifeste appellativ vorgetragen und zelebriert wurden und versuchte erst gar nicht, sie historisch nachzustellen. Im Gegenteil, er hat sich für die jeweils zehnminütigen Filme eigene Geschichten einfallen lassen, die den meist aus mehreren Manifesten von Rosefeldt kompilierten Text bildhaft unterstreichen, konterkarieren, oder gar ironisieren. Alle Projektionen finden in einem Raum im Seitenflügel des Hamburger Bahnhofs statt und sind dort räumlich nicht durch Trennwände voneinander separiert. Somit wird das Ganze auch als Polyphonie bzw. Kakophonie der sich gegenseitig störenden und miteinander konkurrierenden Monologe erlebt. Auch wenn die Konzentration auf die einzelnen Geschichten darunter leiden mag, ist diese sich überlagernde Sprache und Deklamation der Manifeste eine durchaus bewusste Entscheidung Rosefeldts, die unserem multimedialen Alltag entspricht. Heilsversprechungen, Analysen und Rezepte für die Lösung gesellschaftlicher Probleme werden dem Publikum rund um die Uhr auf allen massenmedialen Kanälen um die Ohren gehauen.

Auch wenn Rosefeldt sich selbst zu den Texten der künstlerischen Avantgarde in einem Interview mit Sympathie äußerte, so weiß er dennoch, dass sich jedes Manifest gegen andere behaupten muss. Nichtsdestotrotz ist der großartigen und vielschichtigen Arbeit eine deutliche Kritik an L’art pour l’art und den gegenwärtigen politisch-kulturellen Verhältnissen zu entnehmen.

Im Prolog setzt Rosefeldt bereits ein Zeichen, in dem er aus dem sprachgewaltigen Kommunistischen Manifest von Marx und Engels aus dem Jahr 1848 „All that is solid melts into air …“ („Alles Ständische und Stehende verdampft …“) zitiert. Im Anschluss daran montierte er Tristan Tzaras DADA-Bekenntnis zum Widerspruch, gegen gesunden Menschenverstand und jegliche Aktion und treibt das Spiel des Absurden mit Philippe Soupaults „I am writing a manifesto because I have nothing to say“ noch weiter auf die Spitze. Dazu ist eine brennende Lunte zu sehen, die jedoch allmählich verlischt, ohne dass sie in einer Explosion mündet.

Das 20. Jahrhundert, dem die meisten von Rosefeldt verwandten Manifeste entstammen, wurde von Eric Hobsbawn als das kurze und nur vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Zerfall des Ostblocks, also von 1914 bis 1991 dauernde, Säkulum der Extreme definiert. Alle Versuche der Gestaltung von Gesellschaft endeten einerseits in industriellem Massenmord, andererseits in neuer Unterjochung statt Befreiung oder gleich im Chaos. Die Befreiung des Menschen – heute von kapitalismusbedingter Ausbeutung, Armut und Verelendung – steht immer noch auf der Agenda, was ein Blick auf die weltweit herrschenden Verhältnisse schnell bestätigt. Vor diesem Hintergrund ist der zweite Film ein deutliches Statement. Cate Blanchett arbeitet sich als verwahrloster und offenbar obdachloser Mann mit Hund und Trolley durch eine desolate und verwaiste Industrielandschaft sowie die Rudimente der ehemaligen US-Abhöranlage auf dem Teufelsberg. Eine illustre Autorenschaft von Lucio Fontana, John Reed Club of New York, Constant Nieuwenhuys, Aleksandr Rodchenko und Guy Debord sind verantwortlich für Sätze aus dem Off und den Monolog des Obdachlosen, die die Notwendigkeit revolutionärer Veränderungen propagieren. Die darin geschilderten Verwerfungen des kapitalistischen Systems und seiner Massenverelendung sind beeindruckend aktuell. Während Blanchett sich stolpernd und beschwerlich mit Hund und unter argwöhnischer Beobachtung eines Pavians den Weg durch die apokalyptisch anmutende Industriebrache bahnt, feuern drei Frauen im Hintergrund als Tanz auf dem Vulkan vergnügt und unbelastet Feuerwerk ab. Diese Szene ist auch eine Referenz an „La Notte“ von Michelangelo Antonioni, der darin 1961 die bourgeoise Selbstgefälligkeit und Langweile als Zeichen einer zunehmenden Atomisierung von Gesellschaft zeigte. Wenn der Obdachlose bei Rosefeldt verzweifelt und wütend mit Megaphon seine Sätze vom Teufelsberg herabschreit, so sind keine Adressaten in Sichtweite, geschweige denn eine Arbeiterklasse, die die Botschaft als revolutionäres Subjekt in die Tat umsetzen könnten. Der revolutionäre Aufruf verhallt.

Alle Filmsequenzen der Installation wurden in nur 12 Tagen mit Cate Blanchett im Winter 2014 an Originalschauplätzen in Berlin gedreht. Die Sprechakte für die von Männern verfassten Manifeste werden durchgehend von einer Frau vorgenommen. Auch das ist eine kluge Konterkarierung der immer noch männlich dominierten Kunstgeschichtsschreibung. Querlaufende und hintersinnige Strategien dieser Art machen neben der filmischen Ästhetik, den szenografisch beeindruckenden Einfällen und der hervorragenden schauspielerischen Leistung von Cate Blanchett die große Qualität dieses Werks aus. So zeigt Rosefeldt die größte Ansammlung an arbeitenden Menschen ausgerechnet an der Börse und kombiniert diese Bilder mit einer Textcollage aus mehreren Manifesten der Futuristen wie Filippo Tommaso Marinetti sowie Guillaume Appollinaires, in der sie ihre radikale Absage an Tradition und Kultur, an die vergangene Kunst und ihre unkritische Glorifizierung von Jugend, Technik, Geschwindigkeit und allem Neuen verkünden. Die Börse als Ort der weltweiten Spekulation, dank Computerisierung in Echtzeit samt weltumspannenden Auswirkungen, war hauptsächlich für die tiefgreifende Krise von 2008 verantwortlich und beraubte Millionen von Menschen ihrer gesicherten Lebensverhältnisse. Hier also die Brokerin, die mit Blick auf die Aktienkurse die zynische radikale Absage an Kultur und Tradition proklamiert. Womöglich ein unterschwelliger Verweis auf die zweifelhafte Entwicklung der Futuristen, die sich zumindest teilweise dem Faschismus andienten. Immer wieder gibt es irritierende Widersprüche zwischen Sprechakt, inszenierter Geschichte und ihrer Kulisse. So wird Claes Oldenburgs Pop-Manifest für eine schräge, wilde und lebendige Kunst und gegen das Verstaubte in den Museen als Gebet in einer bürgerlich-biederen Familie intoniert.

Sol LeWitts und Elaine Sturtevants Manifeste für konzeptuelle Kunst und die Appropriationskunst werden zu einem Dialog zwischen einer Nachrichtensprecherin im TV-Studio und einer Reporterin während einer Live-Schaltung verarbeitet. Die Fragen nach der Idee als Kunst und den Begriff von Originalität werden ausgerechnet in das für seine populistische Reduktion schwieriger Themen und seine inszenierte Wirklichkeit berüchtigte Massenmedium verlegt.

Julian Rosefeldts Lieblingssätze aus den verarbeiteten Manifesten stammen übrigens von dem US-amerikanischen Architekten und Künstler Lebbeus Woods (1942–2012) und lauten: „I’m at war with my time“ und „Tomorrow, we begin together the construction of a city.“

Katalog in dt. oder engl. Ausgabe: Anna-Catharina Gebbers, Udo Kittelmann u.a. (Hrsg.) „JULIAN ROSEFELDT: MANIFESTO“ mit Texten von Reinhard Spieler, Burcu Dogramaci sowie einem Interview mit Julian Rosefeldt von Sarah Tutton und Justin Paton. 104 S. mit 125 farb. Abb. ISBN 978-3-86335-855-6. ISBN 978-3-86335-856-3 (Englisch), Walther König Verlag, Köln, 39,80 €

von Matthias Reichelt

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