Zeichnen zur Zeit , 2016

Monika Bartholomé

Die Linien erzählen ihre eigenen Geschichten. Es könnte um Öffnungen, Durchlässe, um Überschneidungen und um Berührungen gehen, wobei in der vorsichtigen Annährung wohl das stärkste energetische Potential liegt. Vielleicht gibt es eine Art Magnetismus, der das dialogische Moment von Abstand und Nähe mitbestimmt und manchmal regelrecht überwunden sein will, wenn sich Gegenständliches andeutet: Eine (offene) Tür, eine Leiter, die einen Schatten wirft oder sogar menschliche Umrisse, eingespannt in zentrifugale, ja planetarische Bezugssysteme. Eine leicht perspektivische Schieflage ist ohnehin charakterbildend. Monika Bartholomés Zeichnungen für das aktuelle Gesang- und Gebetbuch der katholischen Kirche „Gotteslob“ gelingt ein seltener Spagat von medialem Eigensinn, zweifellos unter puristischen Vorzeichen, und einer sanft leitenden Anschauung, die führt aber nicht verführt: „Man sieht mehr als man weiß“ (Stefan Kraus). Aus welchem Grund auch immer die Benutzer das Buch zur Hand nehmen, sie werden aufgefordert, das Gesehene zu fühlen oder weiter zu denken. Im Zweckverband mit einem spirituellen Gebrauchsbuch müssen sich die autonomen Signale der Monika Bartholomé behaupten und gleichzeitig Aufgaben einer angewandten Kunst übernehmen, etwa als Denkpausen, lineare Zwischenakte oder sinnstiftende Vignetten. Die einzelnen, kleinformatigen Zeichnungen, die im Museum mühelos eine lange Wand füllen und beherrschen, sind eingepasst zwischen Texten und Liedern. 19 gingen in den Hauptteil ein, weitere 28 in unterschiedlicher Dichte in die einzelnen Landesteile. Das Vademecum, das hier mit Blick auf die Illustrationen aufgeschlagen wurde, ist kein Kunstbuch aber ein Druckwerk, das diese geistvollen Piktogramme mittlerweile in 7Millionen Exemplaren hinaus in die (deutschsprachige) Welt trägt. Welchem Künstler ist das schon mal passiert? Darüber hinaus…

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von Reinhard Ermen

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